Verluste

Mit Schrecken festgestellt, daß ich meinen Penis zuhause liegen gelassen habe. Eigentlich war es mein rechtes Auge. Oder eine meiner Nieren? Ich stellte es fest, als ich auf die S-Bahn wartete. Kurz darüber nachgedacht zurückzugehen. Dann aber merkwürdig befreit gefühlt. Vielleicht war es doch gar kein lebensnotwendiges Organ? Jetzt kann ich besser atmen und ich halte mich auch gar nicht mehr so krumm. Es muß der Nasenpolyp sein, der fehlt. Aber woher kommen diese Phantomschmerzen in den Fingerkuppen? (Die Stadt könnte mal einen Frühling gebrauchen.) Jetzt erst bemerke ich, daß die Leine fehlt. Normalerweise ziehe ich sie immer hinter mir her, schlaff und schlangenartig, aber von Zeit zu Zeit straffe ich sie und spreche in die alte Erbsenkonserve. Dann höre ich Vertrautes und fühle mich ich; die meiste Zeit des Tages klappert die Dose aber über den Asphalt und jeder kann hören, wo ich langlaufe. Dass ich mich jetzt so lautlos bewegen kann, macht mir ein bisschen Angst. Vielleicht denken nun ein paar Protestanten, ich hätte etwas zu verbergen?

Ohne Pointe

Irgendwo in D schaut er jetzt aus einem Fenster und sieht den selben Tag wie ich, erkennt vielleicht etwas anderes in ihm oder gar nichts mehr. Er ist 73 Jahre alt und wenige Menschen interessieren sich für ihn; die wenigen, die es tun, aus professionellen Beweggründen, weil es das ist, was man in einem Hospiz tut – sich um Leute kümmern – Leute, die sterben.  Nicht viel ist mir von Herrn K. bekannt und man kann wirklich nicht sagen, daß er mir symphatisch gewesen wäre, damals, als er noch mein Nachbar war. Selbst ihn ‘Herrn K.’ zu nennen fällt mir schwer, hieß er bei uns nur ‚Der K.’. Aber sobald er gestorben sein wird, wird ein komplettes Menschenleben verschwinden, ein trauriges. Als Kind ist er viel geschlagen worden, sagt seine Schwester. Von seinem Vater. Der Polizist war. Und trotzdem oder gerade deswegen wollte er gerne selber Polizist sein, was ihm aber nicht gelang. Dafür sammelte er Polizeiabzeichen. Hunderte von ‚Sheriffs’, ‚Deputies’ und ‚Highway-Patrols’ hingen in dem dunklen Flur seiner Wohnung, ordentlich mit Nadeln in Reih und Glied gespießt auf mit grünem Filz bezogenen Sperrholzbrettchen. Darüberhinaus war er aber auch merkwürdigerweise der Erste in der Nachbarschaft, der ein Telespiel besaß. Die Person, von der man es am wenigsten erwartet hätte, spielte also PONG und ich als Sohn des Nachbarn, durfte es mir einmal ansehen. Nur schauen, nichts anfassen.  Er arbeitete dann als Werkschützer in einer Fabrik bei Köln. Das ist fast das Gleiche wie Polizist.  Vielleicht. Auf jeden Fall mit Uniform und Abzeichen. Alles hat schließlich seine Ordnung zu haben. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Wahrscheinlich geriet deswegen seine Welt so schnell in’s Wanken, weil wir als Kinder die erste Bürgerpflicht nicht kannten und auf der Wiese vor seiner Wohnung laut spielten, verbotenerweise mit dem Lederball kickten. Dann kam er auf seine Terasse gestürmt (über der Terassentür hing ein Deko-Karabiner) und schrie uns an. Bis auf zwei Ausnahmen hat er immer alleine gewohnt; die Frauen haben es nie lange mit dem pedantischen Griesgram ausgehalten. Dafür hatte er eine innigere Beziehung zu Hunden. Große Hunde. Wachhunde, die er auch mit zur Arbeit nahm. Dobermann-Pinscher. Und weil er so beliebt bei der Nachbarschaft war, hat man ihm irgendwann seinen Hund vergiftet. Das hat ihn sehr traurig gemacht. Das Einzige, was ihm wirklich nachhaltig Spaß zu machen schien, war das Rauchen. Er rauchte sehr viel. Und da die Vormieter seiner Wohnung schon starke Raucher waren, wird das Nikotin zentimetertief in das Mauerwerk eingesogen sein.  Eines Tages lag er im Hausflur und rührte sich nicht mehr. Die russlanddeutschen Nachbarn, die er selbstverständlich auch nicht mochte, fanden ihn und riefen den Rettungsdienst. Er kehrte nicht mehr in seine Wohnung zurück und der Hund mußte in’s Tierheim. Nachtrag: ‚Der K.’ ist im Schlaf gestorben.

Who’s Hank?

Es sind nur drei Stationen mit der S-Bahn und ein kleiner Fußweg durch langweilige Gegenden und schon stehe ich vor Pauls Garagentor. Paul ist eigentlich ein ganz netter Kerl, aber meistens geht mir seine Art auf die Nerven; er plappert einfach alles nach, was das Fernsehen oder Facebook als “wichtige Fragen” erachten und will dann partout mit mir darüber Diskussionen führen. Immer dieses ‘Meinungen haben’. Nervt und stört. Aber die Sachen hinter seinem Garagentor, sind immer eine kleine Reise wert und oftmals auch die paar Euros, die er dann, nachdem er mich lange genug hat daran schnüffeln lassen, von mir haben will.
“Was geht, Alter?!”, kommt er um die Ecke geschlurft.
“Hi Paul. Alles gut bei Dir?”
“Klaro – kein Glück in der Liebe, aber immer ein paar coole Teile am Start – wirste ja gleich sehen!”, sprachs und sucht in den tausend Taschen seines Overalls nach seinem Garagentorschlüssel. Auf die Bemerkung mit der Liebe gehe ich erst gar nicht ein, die Leier ist eh immer dieselbe: Monika hier, Monika dort, Monika da, Monika fort, Monika – seine große Liebe, Monika – die große Verräterin – ad infinitum! Stört und nervt!
“Mach mal hinne, bin gespannt, was die Garage des großen Meisters heute so beherbergt!”
Schließlich findet er den kleinen metallic-farbenen Schlüßel und schließt auf.
Beim Hochziehen quietscht der Tormechanismus und wir schlüpfen hinein. Während Paule die Türe wieder zuzieht (warum hat niemand mehr seit Nikki Laudas Unfall die Tür geölt?), knipse ich das Licht an. Paule reibt sich die Hände. Macht er immer so. Sein großer Auftritt. Auf einer Europalette liegt etwas, ungefähr so groß wie eine fette Melone, zugedeckt mit einer Plane.
“Hast du Monika den Kopf abgehackt?”
“Nee Idiot, viel besser!”, und mit einem Ruck ist die Plane runter. Auf der Palette steht eine Art großes Einmachglas, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit in der etwas gelblich-graues von der Größe einer Teekanne schwimmt. Ein Etikett klebt zigarettenschachtelgroß auf dem Deckel.
“Du hast Monika das Herz rausgeschnitten.”
“Ach, Quatsch. Lies lieber mal das Schildchen! Spooky, sag ich dir!”, Paulchen tippt auf das leicht vergilbte Klebeetikett, “Außerdem ist das Ding doch viel zu groß für ein Frauenherz, oder?”
Ich will gar nicht wissen, woher Paul sein vielleicht detailliertes Wissen über Anatomie haben könnte und neige mich zu dem Glas herunter. Ich sehe, dass die Beschriftung auf Englisch ist und in einer kleinen, aber gut leserlichen Handschrift verfasst ist. Neben Ort und Zeitangabe steht dort auch etwas über den Inhalt des Glases: Leber von Henry Charles Bukowski. Unfassbar! Paule hat die Leber von Bukowski in seiner Garage in einem Einweckglas stehen. Das Glas ist versiegelt, irgendwas ziemlich amtlich aussehendes wo ‘The state of California’ drauf steht.
“Wow, Paulchen, das ist ziemlich fett! Weißt du von wem das die Leber ist?”
“Naja, steht ja drauf, irgend so ein Pole oder sowas – bestimmt war der zum Tode verurteilt und da haben sie ihm nach dem elektrischen Stuhl die Organe rausgeholt oder sowas. Krasses Ding, oder?”
“Ja, voll heftig!”, andächtig knie ich nun auf der Europalette und male mir die Szene aus: Bukowski wird nach seinem Ableben in einer Nacht- und Nebelaktion von einem literarischen Bewunderer in Gestalt eines kalifornischen Pathologen aufgeschnitten und sein bestes Stück landet im Glas. Stand bestimmt aufm Kamin bei dem Arzt, bis dieser aus finanziellen Nöten heraus seinen Schatz an einen asiatischen Pfandleiher verkaufen musste. Und jetzt sitzt er unter der Brücke und es bleiben ihm nur noch die Erinnerungen und seine eigene Leber.
“Was willste denn dafür haben, Paule?”
“Och,”, Paul kaut auf einem imaginären Kaugummi rum, “eigentlich war das ja für mich auch eher so eine Dreingabe zu einem anderen Deal,” [Wie kann die Leber von Bukowski eine Dreingabe sein und was war dann der eigentliche Deal?], rollt die Augen noch ne Weile und pustet die Backen auf, “pffft und du bist ja auch wirklich n echter Homie und hilfst mir immer, wenn ich Streß mit Moni habe…”
“Was ja auch ziemlich oft passiert!”, werfe ich ein.
“Stimmt leider.”, er kneift die Augen zusammen und atmet schwer aus, “Ach, und unter Freunden sagen wir einfach: nen Hunni, okidok?”
“Ist geritzt, Paule!”, krame in meiner Geldbörse und drücke ihm zwei Fünfziger in die Hand, “Immer ne Freude mit Dir Geschäfte zu machen!”
Wir wickeln das Ding so gut es geht in irgendwelche Lumpen ein und er stopft es mir in meinen Rucksack. In der S-Bahn halte ich alles gut fest, damit es mir nicht von den Knien rutscht, falls der Fahrer mal wieder meint, es wäre lustig, voll in die Eisen zu gehen. Wäre ja auch eine echt fiese Sauerrei und richtig erklären könnte man das ja auch niemandem. Zuhause stelle ich das Paket vorsichtig auf dem Wohnzimmertisch ab und gehe zum Kühlschrank, um mir zwei Bier rauszuholen: eins für mich und eins für Bukowski.
“Kommst du in’s Bett, Schatzi? Ich habe doch so lange auf dich gewartet und trage auch deine Lieblingsunterwäsche – nämlich keine!”
“Einen kleinen Moment noch Moni, ich muß flugs noch mit Hank anstoßen, dann bin ich für dich da…”

#269

Großer Kerl, kaum zu bewegen, muss der auch so stinken, herrje. Ganz blau im Gesicht und dick und speckig und stinkt nach Pisse. Komischer Mantel, könnte von meinem Vater sein, schnell den Schal beiseite, warum ist das so verwurschtelt? Speck, wie ein gestrandeter Wal der Typ, speckiges Hemd, dicker Hals, irgendwo muss doch der Puls sein. Kein Puls, liegt bestimmt an mir, dicker Penner, kannst bestimmt nichts dafür, aber kann nicht lange rumsinnieren, und atmen tust du auch nicht. Also eigentlich tot, aber wer entscheidet das, also schnell jetzt. Beatmen. Kopf, so dick, überstrecken, darf ihm nicht weh tun, Nase zu und meinen Mund auf seinen, wie oft noch mal? Luft rein, Brustkorb hoch, wie bei der Puppe, wie beim Training, geht nicht, Luft geht daneben und seine Lippen sind dick und machen Furzgeräusche. Ich mache die Furzgeräusche mit seinen Lippen. Muss doch irgendwie gehen. Bei der Puppe ging’s doch auch. War alles klarer. Ist halt auch die Marine, zackig, alles klar. Bootsmann erteilt Erlaubnis, gehet aus und reanimieret! Jawohl, militärischer Gruß, wegtreten! Fahrt nach Hause, dicker Penner liegt in der Unterführung und rührt sich nicht. Jemand hoppst schon auf ihm rum und ich muss ran, hab ja auch die Erlaubnis. Luft geht jetzt besser rein, braucht halt Übung, wie beim Küssen. Aber der Walfisch fängt einfach nicht an zu blasen. Hat jemand nen Krankenwagen gerufen? Wann kommt der denn? Blasen, Brustkorb hebt sich, geht besser, Typ immer noch blau und kalt. Mir ist kalt, die ganze Unterführung fröstelt, ist halt auch Winter, endlos pusten, immer weiter machen. Immer noch kein Puls, keine Atmung, der ist tot. Ich küsse hier einen Toten, ohne Zunge, ich mach alles falsch, ich mach alles richtig. Weiter! Luft rein, Luft raus. Mein Herz wummert in meinem Kopf. Endlos. Wie lang? FünfMinuten? Zehn Minuten? Weiß nicht. Weiß nichts, nur pusten, kriege bestimmt Pusteln am Maul. Desinfiziert, bei der Fahne? Woher kommt auf einmal der Sanitäter? Kann loslassen, aufhören, ablassen? Kurze Nachfrage, Dank, schnelle Schritte, Gleis 3. Oder war es 5? Da ist der Zug, rein, zittere am ganzen Körper, muss mich setzen. Armer Walfisch, warst schon lange tot, oder?

Soll es denn verderben?

In Zeiten wie diesen gibt es halt nicht immer Fleisch. Heute schon. Sie dreht den Teller ein wenig, zieht den Vorhang vor der Balkontüre zur Seite, damit mehr Licht reinkommt und setzt sich. Der Duft, von in ein wenig Honig angebratenen Zwiebelringen, verbindet sich harmonisch mit dem des Kartoffelpüree. Sie bewegt das Besteck langsam und denkt an vergangene Feiertage, die sie mit ihrem Mann und den Kindern verbracht hat. Jetzt hat sie nur noch die Katze. Braves Tier. Mit dem Messer löst sie sich mundgerechte Stücke vom geschmorten Fleisch, um sie mit geschlossenen Augen zu genießen. Nicht mit den Fingern essen und nicht die Knochen ablecken; dass hat ihr Mann immer gemacht und sie fand es widerlich. “Aber sich das Essen von der Straße auflesen, ist nicht widerlich, oder wie?”, fährt ihr Mann sie an. “Das mußt du gerade sagen, Heinrich.”. Heinrich geht ein wenig vom Gas. Vor ihnen, im Licht der Autoscheinwerfer, in den Kegeln, die Löcher in die Dunkelheit schneiden, liegt etwas auf der Straße. Der Wagen kommt zum Stehen, die Warnblinkanlage wirft im Takt noch ein bisschen Orange auf den Feldweg und sie richtet sich das Kopftuch, während die Kinder auf dem Rücksitz schlafen. VW-Käfer. Warnblink-klick-klack. Im Autoradio singt Freddy Quinn vom Meer. Der Mann steigt aus, geht zu dem Etwas und beäugt es kurz, nur um es ein paar Minuten später handschuhbewehrt in den Kofferraum zu hieven. “Soll es denn verderben?”.
Sie steht auf, bringt Teller und Besteck in die Küche und wäscht es unter fließendem Wasser ab. Der Hase, den er im Keller aufgehangen hatte, hat so fürchterlich gestunken, dass sie sich weigerte, davon später zu essen. Heinrich und sein beklopptes ‘Hautgout’. Während sie abtrocknet, fällt ihr das Pfund Kaffee ein, das der polnische Pfarrer in der Adventszeit bei ihr vorbei gebracht hatte, zusammen mit einer wärmenden Decke und Klosterfrau Melissengeist. Jetzt wäre es doch nett ein Tässchen davon zu sich zu nehmen. “Möchtest du auch eine Tasse?”, aber Heinrich schaut sich nur wieder seine gerahmte Todesanzeige an. “Plötzlich und unerwartet wollte ich nie sterben. Einfach so umfallen, mitten in der Stadt, wo alle Leute zuschauen. Ich wollte immer im Bett liegen und alle sind da um sich zu verabschieden. Und ich wollte in den letzten Minuten mit dir Händchen halten.” Mit der Tasse in der Hand geht sie an’s Fenster und schaut auf das kleine Stückchen Rasen zwischen den Wohnblöcken. Die Katze liegt in der Sonne. Das Kaninchen lag am Straßenrand, direkt vor der Haustüre und sie hat es sich schnell in die Plastiktüte gesteckt, die sie immer in ihrer Handtasche mit sich führt. Hier in der Stadt gibt es keine Hasen. Es war fast unversehrt, nur ein kleiner Riss war zu sehen, unter welchem das rosige Fleisch hervorblitzte. “Ich schau mir gerne die Eichhörnchen an. Eichhörnchen sind so putzige kleine Tiere. Sie klettern in den Bäumen hin und her und jagen sich. Das macht mir immer Freude beim Zusehen, Heinrich.” Aber Heinrich sagt nichts. Langsam wird es dunkel und sie macht sich die Stehlampe mit dem großen gelben Schirm an. Sie setzt sich und liest in ihrem Buch. Sie weiß, daß er bei ihr bleiben wird, bis sie im Sessel eingeschlafen ist. Und morgen gibt es Steckrübeneintopf.

Wahnwelten

Ein kontinuierliches Verbiegen und Heucheln von Interesse an wirtschaftlichen Zielen. Müde aus dem Haus, die Straße hinunter, Auto lohnt sich nicht, ist eh alles viel zu teuer. Einreihen, Augenkontakt vermeiden, der Penner unter der Unterführung ist schon aufgestanden, schon weg sich ein Frühstück besorgen, wahrscheinlich Alk, aber was soll ich ihn richten? Der Bus kommt, reinzwängen, kein Sitzplatz und ungefähr drei verschiedene Duschgelgerüche in der Nase. Anfahren, bremsen, weiterfahren, ruckeln. Die Fristen müssen eingehalten werden. Das Projekt ist in einer kritischen Phase. Aussteigen, umsteigen, die Herde steuert auf die Treppe oder auf die Rolltreppe zu. Wer den Aufzug nehmen muss, hat ne Behinderung. Kinderwagen womöglich. Der Bahnsteig füllt sich mit müden Gesichtern und merkwürdigen Kostümen, selbst die Freien haben Uniformen an. U-Bahn kommt, gibt ab, nimmt auf, fährt weiter. Der Lead muss generiert werden. Wir liegen unter Plan, die Eigentümer wollen Einsatz sehen. Im fünf Minuten Takt werden die Körper zu ihrem Bestimmungsort gebracht und ihre Benutzer hoffen verzweifelt, dass sie so wenig wie möglich davon mitbekommen. Kopfhörer auf, Mittelerde als Paperback, Social Media. Unbarmherzig öffnen sich die Türen jedoch; immerhin hast du doch die Wahl. Du musst ja nicht. Wir leben in einem freien Land. In Gedanken schon beim Alkohol heute abend. Der Strom teilt sich auf, zerfasert in immer kleinere Gruppen. Bloß keinem begegnen, mit dem man Smalltalk halten müsste, jede Sekunde der Abwesenheit, des Für-sich-seins, der Nichtbeschäftigung mit den aufgezwungenen Inhalten ist kostbar. Die Revenues müssen stimmen. Die Produktivität ist zu steigern. Was ist mit dem Krankenstand? Die dienstbaren Geister sind draußen und gießen die Pflanzen. Facility Management träumt von besseren Zeiten. Dunkelhäutige, die sich erschrecken, wenn ein guter Morgen gewünscht wird. Sicherheitsschleusen mit unterbezahlten Sicherheitsschleusenwärtern; wer kann schon von seinem Job leben? Er, sie, es loggen sich ein, melden sich an, identifizieren sich gegenüber Systemen, um hernach stundenlang in ein leuchtendes Rechteck zu schauen. Die Zeichen ermahnen, die Symbole fordern auf, sorgfältig komponierte Hinweistöne erinnern an unliebsame virtuelle Zusammenkünfte. Netzwerke ächzen und stöhnen unter der Last der substanzlosen Inhalte, die durch sie hindurch gepresst werden. Draußen scheint die Sonne. Die Vorfahren haben die Felder mit ihren Knochen gedüngt. Diese Prozesse wollen optimiert werden und mittags wird gegenseitig das Essen besprochen. Kantinen-Fegefeuer. Den Tag rumbringen, irgendwie, nur nicht negativ auffallen. Einfach gehen, müsste man, alles liegen lassen, müsste man, doch das Haus muss bezahlt werden, weiß man und wenn man es nicht weiß, so sagt es einem der Kontoauszug. Zähnezusammenbeissend lächeln. Vollbracht! Es ist vollbracht! Wenigstens für heute. Hastig zurück zum Transportmittel. Sitzplatz in Fahrtrichtung. Der Penner liegt schon wieder in der Unterführung auf seinen zusammengefaltetenn Pappkartons und sucht unter fleckigen Decken sein Vergessen. Zuhause Tiefkühlpizza und “The walking dead”.