Darum Darum!

Bei der Mormonen Kirche am Kuhmühlenteich gab es ein Plakat und auf diesem stand:  „Warum Leben?“
Eine klebrige Formulierung, einzig geeignet einem ein in sich geschlossenes Weltbild einzutrichtern. Die korrekte Frage lautet: „Warum Sinn?“ und diese zwei harmlosen Worte machen jede ideologische Bauernfängerei zunichte. Noch besser wäre ja „Warum Warum?“, aber das hätte ja wieder niemand verstanden.

Asyl

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Es gibt dieses Cliches von der Ähnlichkeit der Besitzer zu ihren Haustieren. Bei ‚Milo‘ kann ich es bestätigen. ‚Milo‘ ist ein muskelbepacktes, mindestens 150 Kilo schweres Kampfhund-Etwas, das kraftstrotzend und an einem extra dicken Lederhalsband von seinen Besitzern in die gewünschte Richtung gezogen wird. Sein auf Aggressivität gezüchtetes Dasein, mit kleinen, dunklen, grausamen Augen und einem Gebiß, das mit Sicherheit verchromte Autostoßstangen zum Frühstück knuspert, spricht Bände über die Geisteshaltung der Besitzer, auch wenn ich nicht zuhören möchte. Tätowierte Bodybuildertypen aus dem Türsteher-Millieu, die einander zärtlich ‚Digga‘ nennen. Ich halte lieber Abstand zu ihnen, denn selbst bei öffentlichen Veranstaltungen weiß man ja niemals mit Sicherheit, ob man von denen nicht unangespitzt in den Boden gerammt wird, nur weil man vielleicht falsch geguckt hat.

Überhaupt ist es beachtlich, wie viele Menschen hier sind. Scheinbar ist Tierschutz ein Thema, dass identitätsstiftend wirkt. Ich bin sehr dankbar, dass die Besucher nicht alles Freunde von ‚Milo‘ sind, sondern daß sich ein repräsentativer Querschnitt an Vierbeinern aufgemacht hat, um das Tierheim zu besuchen, inklusive der sich am anderen Ende der Leine befindlichen Menschenaffen. Bei diesen handelt sich um eine bunte Mischung aus Hamburgern, hohe Tiere inbegriffen. Selbst der unvermeidbare Carlo von Thiedemann gibt seine Moderationskünste zum Besten. Die Menschen drängen sich über das Gelände, das ungefähr fünf Fußballfelder groß ist. Als überzeugter Nichttierhalter bin ich erstaunt darüber, daß sich hier alle mit ihren Hunden einfinden. Vielleicht ist es aber auch so eine versteckte Erziehungsmaßnahme, so ähnlich wie die in einigen Ländern auf den Zigarettenschachteln abgedruckten schwarzen Lungen und Tumore. Wenn du nicht spurst, Fido, dann kannst du dir schon mal ansehen, wie es mit dir enden könnte.

Eher wahrscheinlich ist es, daß es sich um ein Sehen und Gesehenwerden, ein Einandererkennen, die animalische Untermauerung der Persona, Ich als Tierschützer und Veganer, handelt. Denn in der Tat, das Futter für die Menschenaffen, welches neben den Taubenfreunden aus Lüneburg und dem Hunderettungsmobil (gestiftet von XY), angeboten wird, ist überdeutlich als fleischlos und tierproduktefrei annonciert. Keine Chance also auf eine Currywurst oder einen Döner. Pfui, wie kann man angesichts der befellten Mitgeschöpfe auch nur an sowas denken? Aber es ist mehr als eine Ernährungsempfehlung, eher eine Aufforderung, zu welcher es keine Alternative gibt, ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, wenn man sich als Tierfreund definiert. Und weil sich eben keiner als Fleischfresser outen will, abgesehen von den Hunden, werden halt vegane Speisen für den guten Zweck gemümmelt. Diejenigen, die ganz sicher gehen wollen oder deren jugendliches Gerechtigkeitsempfinden es noch zulässt, tragen dazu noch Sticker oder T-shirts mit der frohen Botschaft spazieren. Insgesamt müssen es also sehr gewissenhafte Tierfreunde sein, die in der Mehrheit mit dem Auto gekommen sind.

Neben Hunden und den Katzen, die statt in einem Zwinger in einem Katzenhaus leben, gibt es aber auch noch viele andere Tiere, welche durch die Begegnung mit der Krone der Schöpfung in irgendeiner Art und Weise Schaden genommen haben und deswegen gesundgepflegt werden müssen. Schlangen, Spinnen, Schildkröten, Pferde und ein Fuchs, der abseits der Besucherströme gehalten wird, damit man ihn wieder auswildern kann. Und angesichts der Art und Weise, wie mancher Besucher mit seinem Hund umgeht, wünscht man dem ein oder anderen Tier einen Aufenthalt in diesem Tierheim. Quality time. Währenddessen steht eine Frau auf der Bühne und referiert über die Qualen, denen die Stadttauben ausgesetzt sind. (Tauben sind ehemalige Haustiere und müssen gefüttert werden.) Sie redet über viele schlimme Dinge, einschließlich über die Bestien, die unverantwortliche Menschen auf die Vögel hetzen: Kinder. Ist bestimmt nicht nur in Lüneburg so. Ich lasse den Blick weiterschweifen, der Besucherstrom ebbt nicht ab, eine Tierpflegerin trägt einen Igel durch die Menschenmenge, ein bisschen hin- und hergeworfen in seinem durchsichtigen Plastikeimerchen, eine Frau schleicht einher, an ihrer Leine eine alte Dackeldame, kaum noch fähig sich zu bewegen und mit einer großen, baumelnden Geschwulst am Hals. Nicht jeder findet im Alter jemanden, der so geduldig mit einem spazierengeht.

Nach zwei Stunden kehre ich diesem Heim für Tiere den Rücken. ‚Milo‘ und seine Begleitung steigen derweil in einen albern gestalteten japanischen Kleinwagen mit einem ‚Ein Herz für Tiere‘ und einem christlichen Regenbogenfisch Aufkleber. Scheinbar hat das Bällebad in der Kinderkrippe des schwedischen Möbelhauses seit neuestem Türsteher.

Mit der Monatsfahrkarte in’s gelobte Land

Ich befand mich im Tal des Todes und ich war nicht allein. Um mich herum 7500 andere Menschen. Jenseits der Holzpalisaden, nachdem ich das Eingangstor hinter mir gelassen hatte, empfingen mich freundliche Eingeborenengesichter, welche das meinige mit Farbe markierten und mir zum Zeichen der Zugehörigkeit bunte Federn ansteckten. Musikanten spielten auf und verbreiteten vermeintlich authentische Atmosphäre. Ursprünglich bestand die Herausforderung für mich darin, überhaupt hierhin zu gelangen. Ein Kampf mit eigenen Unzulänglichkeiten und dem öffentlichen Personennahverkehr, so dass ich zuerst nicht so sehr auf die Details geachtet hatte, denn ich war ja schon vorher mal im Theater gewesen. Menschen auf der Bühne schlüpfen in personae und zusammen mit den Menschen vor der Bühne entsteht etwas Neues, man lässt sich auf ein Spiel ein, Schauspieler rennen nackt über die Bühne, dann am Schluß womöglich: Erkenntnisgewinn. Aber außer den Pferden rannte hier niemand nackt über die Bühne. Es war auch nichts Neues zu entdecken. Die Kunst in diesem Fall bestand darin, ein neues Stück aufzuführen, ohne ein neues Stück aufzuführen.

Nachdem Prominente abgeblitzt und offiziell begrüßt worden waren, begann die Vorstellung, indem ein Toter zu uns sprach. Seine Stimme kam vom Band, die Zuschauer erhoben sich und applaudierten, sein überlebensgroßes Bild wurde unter Fackelschein in die Arena getragen. Sein Leben lang war er auf diese eine Rolle festgelegt und im Tod wurde er endgültig damit verschmolzen. Alle waren gerührt. Und genauso wie im Comic „Das Phantom“ die Superheldenidentität von Generation zu Generation weitergegeben wird, so geschah es auch hier. Das universell Gute wandert von Darsteller zu Darsteller und nur der aktuelle Winnetou weiß, welche Bürde dieses Erbe mit sich bringen mag.

Und überhaupt: Neben dem ewigen Häuptling der Mescalero-Apachen, standen Mario Adorf, Ralf Wolter und obwohl schon tot, Heinz Erhard auf der Bühne, beziehungsweise Stellvertreterschauspieler, die so agierten, wie die Vorbilder es in den Verfilmungen der sechziger Jahre gemacht hatten. Ich blickte um mich und sah viele in Cowboy-Kostümen; einige hatten sich vor der Vorstellung nicht nur mit Bier und Pommes versorgt, sondern auch mit Knallplättchen-Schreckschußwaffen, die rote oder orange Mündungsaufsätze hatten und nun von den stolzen Besitzern im Gürtel getragen wurden. Und alsbald wurde mir bewußt, dass ich es hier mit einem Kult zu tun hatte. Hier wurde ein Ritus abgehalten, der die Gemeinde in ihrem Glauben bestärken, sowie große Augen und offene Münder produzieren soll. Was auch gelang. Diese Gesichtsausdrücke kannte ich als guter ehemaliger Katholik mit Meßdienererfahrung: Ostern und Pfingsten an einem Abend, der Herr ist auferstanden, der heilige Geist kommt auf die Jünger herab. Auch auf uns kam der heilige Geist in Form eines Weißkopfseeadlers hinab, der auf dem handschuhbewehrten Arm Winnetous landete. Manitou, Adler und Winnetou – die Dreifaltigkeit von Bad Segeberg.

Danach 20 Minuten Pause.

Während ich in der Schlange für das Klo stand, hörte ich, dass es im Vorfeld auch zu einer Marienerscheinung gekommen war. Dunja Rajter war zugegen, die wahrhaftig im Winnetou I Film dabei war, und so dem Ganzen höhere Weihen verlieh.

Das Ende der Pause wurde durch Kavallerie-Fanfaren angekündigt. Ruhig nahmen alle wieder ihre Plätze ein und das Hochamt wurde fortgeführt. Gegen Ende freuten sich alle, weil der Zauber gelungen war. Das Böse war erwartungsgemäß zur Hölle gefahren und allen Teilnehmern wurde begeistert per Applaus gedankt. Ein Sänger mit italienischem(!) Namen in einem weißen(!) Anzug sang abschließend ein Lied über die Hoffnung, die überleben wird und schritt dabei durch das Bühnenbild, welches im Zuge der Nachtwerdung mit einem Feuerwerk illuminiert wurde. Osterfeuer.