Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 3

Aurora und Hope saßen fest. Es war bitterkalt und nichts ging mehr. Weder vor noch zurück. Die Männer waren verzweifelt, als sie ihre Ausrüstung und ihren Proviant aus den Schiffen holten. Soweit das Auge reichte, war das Meer zugefroren und sie konnten sich nicht vorstellen, daß sie jemals lebend aus dieser Situation herauskommen und zurück bei ihren Lieben sein würden, alt werden und ihren Kindern und Enkeln von dieser wundersamen Welt erzählen. Nur Commander Aldridge, dritter Earl von Sumpton, bewahrte Ruhe, organisierte die Logistik und führte seine Männer schließlich zum Winterlager, 133km weit entfernt von dem Platz, wo ihre beiden Forschungsschiffe langsam vom Eis zermalmt wurden. „Wir werden dem arktischen Winter trotzen, wir werden hier zivilisiert überleben, wir werden auch in dieser Situation stolz das Empire vertreten und darüberhinaus Tee trinken. Pünktlich um 17 Uhr!“ Die Mannschaft jubelte ob dieser mitreißenden Worte und schöpfte frischen Mut. Vier Monate später saßen zwei vom Skorbut ausgemerkelte Gestalten vor der Überwinterungshütte und weinten bittere Tränen. Sie mußten mitansehen, wie ihre Kameraden starben, sie mußten zuerst die Hunde und dann Teile der Toten essen und jetzt, da nahezu alle Vorräte verbraucht waren, schrieben sie Abschiedsbriefe und betranken sich mit der letzten Flasche Rum. Nach ein paar Stunden sackte der eine der beiden in sich zusammen und starb. Der letzte Überlebende schaute auf in den glasklaren Himmel und legte sich dann neben seinen Kameraden und schloß seine Augen. Eine tiefe Stille umfing sein Herz, eine Ruhe, die ihn sanft hinüber ins Totenreich bringen sollte. „Entschuldigen sie bitte mein Herr, was machen Sie hier?“ Lars Larssen, der Koch der Expedition, schlug seine Augen wieder auf und er sah das durch eine dichte Fellkapuze bewährte Gesicht eines nordischen Ureinwohners. „Ich“, brachte er schwach hervor, „werde sterben.“ Dann schwanden ihm die Sinne.

Der Geruch von Robbentran, der mit Yante-Wurzeln vermischt wurde, ist einmalig. Er pendelt irgendwo zwischen Durianfrucht und einer verwesenden Leiche. Wenn man das zusammen mit heißen Wasser serviert bekommt, dann kann hier nur ein Schamane am Werk sein, jemand der sich damit auskennt, halb erfrorenen Männern die Seele zurück in ihre Körper zu prügeln. Tanpuk Sökök war so ein  weiser Mann. Und Lars Larssen hatte unglaubliches Glück gehabt, daß Tanpuk auf der Jagd gewesen war, als er an der Hütte der bekloppten Weißen vorbeikam, die er in den letzten Monaten immer mal wieder aus der Ferne beobachtet hatte. Eigentlich verfolgte er nur eine Fährte, aber statt des Eisbärs, den er eigentlich erlegen wollte, fand er diesen verrückten Sterbenden vor und er beschloß ihn zu retten. Einen konnte er retten. Wenn er vor zwei Monaten beschlossen hätte hier hin zu kommen, um die übriggebliebenden Männer zu retten, dann wären sie alle gestorben – denn soviele Vorräte hatte er nicht. Nach einigen Tagen kam Lars wieder zu Kräften. Zuerst hielt er Tanpuk und seine Behausung für eine himmlische Erscheinung, aber spätestens als Tanpuk ihm aus Versehen den Yante Tee über die Brust goß, akzeptierte Larssen die Realität: er war gerettet. „Lieber Herr Sökök, wie kann ich Ihnen nur für ihren Akt der Nächstenliebe danken?“ „Nun, ich hätte das so ein Anliegen. Sehen sie, ich bin nicht mehr der Jüngste und meine Kräfte schwinden. Aber ich habe hier einen Auftrag zu erfüllen: meine Leute haben mich ausgesandt, damit ich den großen, weißen Eisbär erlege.“ „Ja, das klingt wirklich nach einer wichtigen Aufgabe. Bestimmt ist sein Fleisch und sein Fell wichtig, damit euer Volk den harten Winter überleben kann.“ „Nein, so ist es nicht“, sagte Tanpuk, „meine Leute haben genug zu essen und leben in Holzhütten mit Bolleröfen. Wir verkaufen unsere Felle und bekommen dafür von den dänischen Händlern alles, was wir so zum Leben brauchen. Manchmal sogar Gemüse aus fernen Ländern. Die nennen das Gemüse Paprika und ich mag es ziemlich gerne!“ Lars nickte mit dem Kopf. „Der Grund warum ich den weißen Riesen jage, ist der: in einer schönen Polarnacht, als wir alle selig in unseren warmen Betten lagen, an unsere Frauen geschmiegt und von innen gewärmt vom Wasser des Lebens, kam dieser Bär in unsere Siedlung. Er tappste geradewegs in das Haus unseres Vorstehers und noch bevor dieser hätte aufwachen und zu seinem Gewehr greifen können, fraß er ihn und seine Frau. Aber damit nicht genug – er fraß auch alle Vorräte des Vorstehers inklusive der Paprikas. Und darauf nahm er uns unseren heiligen Fetisch. Rücksichtslos wie er war, fraß er ihn einfach auf. Nun ruht er im Magen dieser Bestie und wir befürchten, daß uns unser Glück verlassen könnte, die Hütten zusammenbrechen, die Frauen mit den Dänen abhauen und wir niemals wieder eine Paprika zu Gesicht bekommen. Von daher muss ich unseren Glücksfetisch wieder zurückbringen!“ „Aber warum ihr? Seid ihr nicht so eine Art Doktor? Gibt es nicht junge, mutige Jäger, die das übernehmen könnten?“ Für eine Weile konnte man nur das Heulen des Windes hören, der draußen vor dem Zelt ziellos umher wehte. Dann erhob Tanpuk wieder seine Stimme: „Wir haben Strohhalme gezogen.“ „Das tut mir leid.“, sagte Lars Larssen und er meinte es auch so, denn zu oft hatte auch er in seinem Leben den Kürzeren gezogen. „Ich glaube, du kannst mir helfen, den Eisbären zu fangen. Du bist ein starker, junger Mann und  du schuldest mir eine Kleinigkeit dafür, daß ich dich gerettet habe.“ Lars nickte mit dem Kopf. Tanpuk fuhr fort: „Leg dich jetzt hin, finde Ruhe und zu deinen Kräften zurück und in ein paar Stunden werden wir aufbrechen und das Tier zur Strecke bringen. Dann schlitzen wir ihm seinen Bauch auf, holen unsern Glücksfetisch und vielleicht ne Flasche Aquavit heraus, bringen alles nach Hause und dort machst du uns dann einen leckeren Gulasch aus dem Schlingel.“ „Ok, abgemacht. So wollen wir es halten!“

Am nächsten Morgen machten sich die beiden auf den Weg, sein Hundeschlitten flog über die weiße Landschaft. Mit zusammgekniffenen Augen suchte Tanpuk nach Spuren. Er konnte die ungefähre Route eines Eisbärens vorraussagen, indem er die Beschaffenheit des Schnees und die Windrichtung miteinander in Verbindung setzte und seine Hunde, beziehungsweise ihre Nasen erledigten den Rest. Der Smutje der Aurora verstand nichts von alledem. In seinen Gedanken ging er ein paar Rezepte für Wildgulasch durch und hoffte, daß man sie auf Eisbären übertragen konnte. „Tschhh!“, zischte Tanpuk auf einmal. Lars dachte, daß er ja gar nichts gesagt hatte, aber Tanpuk ermahnte ihn „der Bär kann auch deine Gedanken lesen. Und wenn er merkt, daß du über Eisbärengulasch nachdenkst, dann findet er das bestimmt nicht gut. Lars war verblüfft, aber er hatte nicht genügend Zeit, sich um seine Verblüffung zu kümmern, denn schon hielt Tanpuk den Schlitten an und drückte ihm eine Flinte in die Hand. „Wir müssen ihn in die Zange nehmen. Ich fühle, daß er nicht weit entfernt ist und versucht unsere Gedanken wahrzunehmen. Du gehst rechts 500 Schritte und ich links. Dann rücken wir vorsichtig nach vorne vor und schießen von beiden Seiten auf mein Kommando. So geschah es dann auch. Sie waren beide in Position und sahen schemenhaft die Gestalt des Tieres. Es hob sich kaum vom Rest ab, so gut war es getarnt. Beide legten an und nachdem Tanpuk den Ruf der Polarhasen erschallen ließ, feuerten sie. Aber sie trafen nicht. Der Bär war nun gewarnt, aber er flüchtete nicht. Vielmehr lief er jetzt auf Tanpuk zu. Lars versuchte schnell zu seinem Retter zu kommen, um diesen vor dem Bär zu retten. Tanpuk schoß mehrfach in die Richtung des nahenden Eisbären, traf ihn auch, aber nicht tödlich. Dann schmiss sich der König des Nordpols auf den Schamanen und zerfleischte ihn. Noch während Lars auf ihn zulief, feuerte er alle seine Patronen auf den Bären ab und die letzte schließlich durchschlug den Kopf des Tieres, so daß es tot zusammenbrach. Lars war außer sich und schrie in die Weite des ewigen Eises seine Wut und Trauer. Er, der gerettet worden war, konnte seinen Retter nicht retten. Nachdem er lange genug die Fäuste gen Himmel gereckt hatte, wandte er sich seiner Aufgabe zu, denn er wußte, daß nun er derjenige war, der den Bären ins Dorf zurückbringen mußte. So holte er den Schlitten, zerlegte den Eisbären, verstaute alles, was er in seinem Magen fand zusammen mit dem Fleisch auf dem Schlitten und vertraute darauf, daß die treuen Hunde ihn zur Heimat von Tanpuk zurückführten. Und so geschah es auch. In einer feierlichen Zeremonie gedachte man Tanpuk, aß gemeinschaftlich das Gulasch, welches wirklich sehr gut geworden war und stellte den Glücksfetisch wieder an seinen angestammten Platz. Lars Larssen beschloß im Dorf zu bleiben und dort sein Leben zu verbringen. Er heiratete eine wunderbar weiche Frau, die zu den besten Jägern gehörte, er bereitete das Fleisch zu, welches ihm seine Frau brachte und er wunderte sich bis zu seinem Tod darüber, warum ausgerechnet ein purpurner Mülleimer der Glücksfetisch des Dorfes war.

Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 2

Als er die Augen aufschlug, war es dunkel. Finster. Wie in einem schwarzen Loch. Und er musste es wissen, denn damals war er, im Rahmen einer groß angelegten Unternehmung, mit einer Gruppe von Spezialisten in das Zentrum eines schwarzen Loches geflogen. Sie wollten wissen, was sich auf der anderen Seite befindet, falls man überlebt und dort ankommt. Konnte man die vom schwarzen Loch eingefangene Energie irgendwie für den Menschen nutzbar machen? Das, was sie zu sehen bekamen war so grausam und niederschmetternd belanglos, daß die Expeditionsteilnehmer beschlossen, darüber Stillschweigen zu vereinbaren. Stattdessen machten einige von Ihnen in Atomkraft, andere verkauften Streichholzschachteln. Letzteres war ein äußerst lukratives Geschäft, waren doch nach dem letzten großen Krieg alle Bäume gestorben und Holz so wertvoll wie Gold oder eine Locke von Elvis. Jemand, der von seiner Oma einen häuslichen Vorrat an Streichhölzern geerbt hat, war für alle Zeiten von der Erwerbsarbeit befreit.

Er hingegen hatte aber eine ganz andere Richtung gewählt: zusammen mit seiner Pflegemutter ging er nach Norwegen und baute Pilze an, dann kehrte er irgendwann zurück, weil seine Pflegemutter einen Rettungsschwimmer geheiratet hatte. Einen netten Kerl. Er hieß Troben, weil seine Eltern sich beim Eintrag ins Geburtsregister verschrieben hatten und der Beamte keine Korrektur zuließ. Troben versah seinen Dienst in einem der Fjorde und war bei den Badenden äußerst beliebt. Den Kindern aus den Gemeinden, die an den Fjord grenzten, brachte er kleine Kunststücke bei, wie zum Beispiel das Zurückspringen in der Zeit, wenn man einen ‚Wer kann am längsten seinen Atem anhalten?‘-Wettbewerb gewinnen wollte. Eines schönen Sommertages benutzte er diesen Trick versehentlich und wurde von einem parkenden Lastwagen überfahren, weil der Fahrer gesehen hatte. Troben stand ungünstigerweise auf einem leeren LKW-Parkplatz an einer Autobahnraststätte, als es passierte. Seine Mutter brachte sich danach um, indem sie sich auf die Schienen einer Schnellbahnlinie zwischen Kiruna und Oslo legte, die aber schon vor drei Jahren wegen Unwirtschaftlichkeit stillgelegt wurde. Sie war schon immer gut im Warten gewesen.

Es war immernoch dunkel, es roch nach den Schalen von ausgepressten Orangen. Eigentlich wäre das ein netter Geruch gewesen, wenn das Auspressen nicht vor drei Jahren passiert wäre. Schon wieder so ein Zeitproblem, dachte er. Vorsichtig tastete er sich durch den Raum, der Boden war so eine Art Kopfsteinpflaster, ein bisschen glitschig, als wären Algen darauf gewachsen. Er fand eine Wand und seine Fingerspitzen fuhren an etwas entlang, was sich nach Haifischhaut anfühlte. Er kam zu dem Schluß, daß er sich in sowas wie einem stillgelegten Krankenhaus für Meeresfrüchte befand, die irgendein Idiot vor drei Jahren mit Orangen gefüttert hatte (vielleicht an Weihnachten), worauf alle Tiere starben und das Wasser abgelassen werden musste. Das hatte mit Sicherheit zur Insolvenz des Krankenhauses geführt und nun rottete das Gebäude, zusammen mit ihm, vor sich hin. Und daß er hier im Dunkeln seinem Tod entgegensah, was ja streng genommen aufgrund der Lichtverhältnisse nicht möglich war, hatte er bestimmt einem wahnsinnigen Wissenschaftler zu verdanken, dem das marode Krankenhaus nun als Zentrale diente. „Hätte ich doch nur eine Atomgranate dabei!“, schrie er und der Hall ließ ihn sich für eineinhalb Sekunden nicht so einsam fühlen.

Und in diesem Moment ging die Türe auf, gleißendes Licht strömte herein und Anorak stand im Türrahmen. „Also, du Vogel, bist du endlich zur Vernunft gekommen und machst eine Aussage?“ Es dauerte eine Weile. Vielleicht auch länger. „Welche Aussage?“, rief ihm der Mann in der Dunkelheit entgegen. „Salomon Zwitschermann, ich hatte dich für klüger gehalten.“, schrie Anorak. „Du kommst mit deinen vierzehn Brüdern auf euren Feuerstühlen vorbeigerast und ihr wollt mich, Anorak, den Beauftragten des Ministeriums für Wasserangelegenheiten, unter Druck setzen, nur weil ich mit eurer Schwester einmal ausgegangen bin?“
„He, Amarak oder wie du Hirni auch immer heißt – das Ministerium für Wasserangelegenheiten wurde schon vor drei Jahren mit der Landwirtschaftskammer zusammengelegt und die Hälfte der Agenten wurde entlassen. Jetzt heißt der Laden ‚Vereinigte Vermesser‘ und du hast überhaupt keine Ahnung von dem was du da faselst! Außerdem ist unsere Schwester vor zehn Jahren im Alter von drei gestorben.“ Anorak kam ins Grübeln. Entweder wollte Salomon ihm einen ziemlichen Bären aufbinden oder er war in ein Komplott geraten, daß zum Ziel hatte ihn eines Verbrechens zu bezichtigen, daß er unmöglich begehen hätte können. Das Opfer war ja schon lange vorher gestorben. Aber mit wem hatte er denn sein Date, wer verlangte so auffallend frech nach Sandwiches und wen hatte er schließlich die Klippen heruntergeschmissen? „Okay Salomon, ich komme dir jetzt deine Handschellen abnehmen und dann gehen wir ganz gesittet hier raus in die Küche, trinken einen Tee und unterhalten uns. Einverstanden?“ „Du bist total verblödet, Angkor Wat! Ich habe gar keine Handschellen an. Aber einen Tee könnte ich jetzt auch gut gebrauchen.“

Der Tee duftete lieblich nach Anis und Kümmel und Lebkuchengewürz und gerösteten Haferflocken. Anorak und Salomon saßen sich an einem robusten Küchentisch gegenüber, jeder auf einem zu kleinen Hocker, so daß ihre Köpfe gerade mal so über die Tischplatte ragten. In kleinen japanisch anmutenden Bechern dampfte das Heißgetränk vor sich hin. Niemand von den beiden trank, weil der Tee einfach noch zu heiß war. „Wo hast du meine Brüder eingeschlossen, Analsack, du ruchloser und böser Mensch, der keine Ahnung hat, welches Jahr gerade ist?“ „Ich heiße Anorak. Wie das Kleidungsstück.“ „Stimmt, das ist einfach. Bitte entschuldige meine Verwirrung.“ „Kein Problem, Salomon, das kommt öfters vor.“ Jetzt versuchten sie den Tee zu trinken, weil es eine gute Gelegenheit war sich neue Fragen auszudenken, aber beide verbrannten sich den Mund. „Also, deine Brüder sind umgekehrt und haben das Weite gesucht, als ich dich unter Anwendung einer alten asiatischen Kampfkunst, deren Anwendung ich einmal in einer holografischen Projektion sah, von deinem Motorrad zog. Du und ich sind einzigen.“ „Große Brüder, pffffft.“ Salomon schien enttäuscht und das zurecht, wie sich später herausstellen sollte. „Aber was willst du dann von mir Anorak?“ Anorak rutschte ein wenig auf seinem Hocker hin und her, weil seine Hoden sich in der Unterhose verklemmt hatten. „Ich sammle Informationen zum Mörder deiner Schwester. Ich will ihn dingfest machen.“ „Meine Schwester ist nicht ermordet worden. Sie hat sich an einem Bonbon verschluckt. Außerdem, um mich zu wiederholen, bist du kein Agent, weil es deine blöde Behörde nicht mehr gibt. Also löst du auch keine verzwickten Fälle. Und schon recht keine Morde, weil die vom Ministerium für Wasserangelegenheiten sich. höchstens an Körperverletzung rangetraut hatten.“ Ich habe Susanne Zwitschermann also nicht von der Klippe geschmissen, weil ich gar kein Date mit ihr hatte, dachte Anorak. Hoffentlich habe ich wenigstens in dem Restaurant was gegessen, sonst werde ich gleich noch hungrig. Seine analytische Maschine lief auf Hochtouren. Wer war diese Person gewesen, warum ließ sich ihn an ihrer Unterwäsche rumfummeln und, was noch viel wichtiger war, warum hat sie ihn zu diesem Mord an ihr gereizt? Was wollten die Zwitschermann-Boys von ihm? Warum gerade nach dem Mord? „Warum bist du mit deinen Brüdern da an den Klippen herumgekurvt?“ Die Frage saß. Salomon versank, so daß nur seine Augen zu sehen waren. „Also, ich warte. Oder soll ich dich zurück in Orangensaftzentrifuge bringen?“ Aha, dafür wurde der Raum also genutzt, ging es Salomon durch den Kopf. Aber wußte nicht, ob er Anorak von den Plänen der Zwitschermann-Boys erzählen durfte. Immerhin war alles streng geheim und die Mutter zuhause hatte ihnen allen eingeschärft, nicht mit Fremden darüber zu reden. Wenn man unbedingt mit irgendwem darüber reden wollte, sollte man auf den Bus mit den Leuten warten, die das interessiert. In der Gegend wo er zusammen mit seinen Brüdern aufgewachsen ist, gab es keine Busverbindung. Andererseits dachte Salomon an seine nichtsnutzigen Brüder und dass sie ihn einfach zurückgelassen hatten. Er schwebte noch eine Weile zwischen diesen Polen, Anorak schaute streng, Salomon trank einen Schluck Tee, Anorak auch, aber dann kam Salomons Kopf wieder hoch und auch sein Mund war wieder zu sehen, aus welchem folgende Erklärung kam: „Also, wir sind ausgesandt worden, den purpurnen Mülleimer zu finden.“

Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 1

Wenn der Stuhl weiß ist, dann ist das nicht gut, fast so schlecht, als wenn man ihn erbricht, dachte Anorak. Dann schaute er in die Schüßel, nickte zufrieden und spülte. Trat aus der Kabine, schloß die Tür und zog seine Hose hoch. Der Mann, der am Eingang saß, direkt neben dem Unterteller mit den Münzen, kam auf ihn zugeeilt. „Bitte Monsieur, kommen sie hier entlang.“ und er führte Anorak zu den Handwaschbecken. Hier drehte er das Wasser auf, prüfte die Temperatur, nahm Anoraks Hände und befeuchtete sie von allen Seiten; zwischen den Fingern auch. Auch die Fingernägel . Nun griff der Hygienewart zur Seife, lies sie zwischen seinen mittlerweile ebenso nassen Fingern schäumen, legte die Seife zurück in die goldene Schale, die von zwei Drachenköpfen an der Wand gehalten wurde und verteilte den Schaum auf Anoraks Händen. Wieder wurden die Fingernägel nicht vergessen. Vorsichtig führte er die Hände tiefer ins Handwaschbecken und unter den Wasserstrahl. Die Seife wurde abgespühlt und der Hygienewart sorgte dafür, daß nirgendwo ein Rest übrig blieb. Nicht der Kleinste. Dieser Vorgang wurde wiederholt. Dann legte der Wart die Hände des Kunden vorsichtig am Beckenrand ab und beeilte sich, ein weiches, nach Muskat und Zitrone duftendes Handtuch, aus dem unter dem Becken befindlichen Schrank hervorzuholen. Anorak spürte die angenehme Wärme des Handtuchs, als der Hygienewart gewissenhaft der Trocknung der Hände nachging. Jetzt trug er die Handcreme auf die Innen- und Außenseite von Anoraks linker Hand auf, dann nahm er die Hand zwischen die Seinen und streichelte sanft über Anoraks Haut, fing an die Creme überall vorsichtig zu verteilen, einzumassierten. Dann die Wiederholung für die rechte Hand. Jetzt war der Vorgang abgeschlossen. Anorak dankte und verließ die Toilette des Restaurants.
Nun beim Ausgang, der Kellner half ihm in den Mantel und gab ihm Hut und Stock. Dann verabschiedete sich Anorak, indem er eine tiefe Verbeugung in Richtung Restaurant vollführte, drehte sich um, die Türe wurde ihm geöffnet und er ging hinaus auf die Straße. „Was hast du gegessen?“ „Ich bin mir nicht sicher. Es war wohlschmeckend, ein bisschen bitter. Dann verwandelte sich der Geschmack und es wurde sehr süß.“ „Interessant. Was sagte der Kellner dazu?“ „Er war untröstlich und wollte mir eine neue Speise bereiten lassen, aber ich habe abgelehnt.“ Anorak und seine Begleitung bogen nun in eine andere Straße ein; sie war dunkel und flüsterte freundliche Worte, so daß Menschen immer tiefer in sie hineingingen und nie mehr zurückkehrten. Aber Anorak kannte sich aus und sagte mit fester Stimme zur Straße „Hier kommt Anorak, der Beauftragte des Ministeriums für Wasserangelegenheiten, mitsamt Begleitung! Wage es nicht, uns süße Phrasen um die Ohren zu hauen. Wir kennen deine Lust auf unachtsame Spaziergänger.“ Ein Grunzen und Gurgeln, ein Reiben und Schleifen, dann bog sich der Asphalt im Licht des Silbermondes und die Straße antwortete: „Ich kenne dich Anorak! Ich war schon einmal so unvorsichtig und habe vor deinen Augen eine kleine Katze geteert. Daraufhin hast du mir Parkuhren in den Pelz rammen lassen. Jetzt will ich mich brav an deine Worte halten und hoffe auf deine Milde.“ Mit den letzten Worten bildeten sich kleine, kleinste Wellen und schlugen an die umgebenden Häuserwände. Irgendwo hier stand Anoraks Auto. Er öffnete die Türen und sie stiegen ein. Die Fahrt ging einige Stunden und schon bald sollte der Morgen grauen und die Sonne würde ihr blaues Licht über die Landschaft ergießen, die Pflanzen und die Menschen würden aufwachen und sich wieder gegenseitig den Platz in der Schöpfung streitig machen. Rechtzeitig kamen sie an einen Parkplatz, direkt oberhalb des Meeres, eine Steilküste, Schiffe tauchten auf und unter, Anorak schaltete den Motor aus und sie betrachteten das Funkeln auf dem Wasser, Reflexionen hervorgerufen durch die toten Körper vieler tausender Seeleute, die sich nun langsam auflösten und deren Verwesungsgase lustige Blasen aufsteigen ließen. Wie Luftballons auf der Kirmes, wenn der Luftballonverkäufer erschlagen daniederlag, die Hand im Tode entspannt.
Anorak war ein erfahrener Ermittler. Der Mann, dem das Ministerium blind vertraute. Er wußte, daß ein schwieriger Fall vor ihm lag, obwohl noch niemand an ihn herangetreten war und er eigentlich offiziell in Urlaub. Lange blickte er auf die Szenerie, rauchte ein paar Zigaretten und fummelte an der Unterwäsche seiner Begleitung rum. „Wollen wir uns ein paar belegte Brote besorgen, Anorak? Du hast mir ja nichts abgegeben im Restaurant und so langsam könnte ich einen Happen vertragen.“ Alles konnte der Beauftragte des Ministeriums für Wasserangelegenheiten tolerieren, nur kein Inzweifelziehen seiner Großzügigkeit. Er stieg aus, ging um sein Gefährt herum, öffnete die Beifahrertür und half seiner Begleitung aus dem Sitz, der eigens für dieses Fahrzeug aus der Haut von drei Mammutkühen gefertigt worden war. „Schau, all dies hätte dein sein können,“ und machte dabei eine raumgreifende Geste über den Parkplatz hinweg, „aber jetzt beklagst du dich und verlangst nach Sandwiches. Das macht dich unberechenbar und wir können so unmöglich ein Paar bleiben.“ „Obwohl ich dich erst ein paar Stunden kenne, hatte ich das schon erwartet, Anorak. Deswegen habe ich meine großen Brüder heimlich angerufen, sie werden bald hier sein und dich einschüchtern.“ Das reichte Anorak, er griff zu, schleuderte die Person über die Leitplanke. Tief fiel der Körper, tiefer, noch tiefer, schlug auf, zersprang, die Fetzen wurden sofort dankend von ein paar Amphibien gegessen, die dann selbst wiederum von einem großen Kraken vertilgt wurden. Dann versank der Kraken wieder im Meer und nichts deutete auf diesen Mord hin, vielleicht nur ein paar Blutflecke, die man aber von hier oben nicht sehen konnte.

Aus der Ferne hörte man das Heranrauschen der motorradfahrenden großen Brüder und Anorak war klar, daß es ein sehr komplizierter Fall werden würde. Wie sollte er sich überführen?

Der Vergesser

Nach dem Aufstehen ging er in die Küche und machte sich sein Frühstück. Kaffee und Toast mit Butter und Marmelade. Dann setzte er sich an den kleinen Tisch am Fenster und beobachtete die Wolken beim Vorrüberziehen, die Menschen ein paar Stockwerke weiter unten, die schnellen Schrittes zu ihren Zielen eilten oder er schaute hoch zu den Vögeln, wenn sie zum oder vom Baum gegenüber flogen. Sehr kleine Vögel mit unglaublich dürren Beinen, noch dünner als Zahnstocher. Irgendwann nach der Dusche, dem Zähneputzen und dem Ankleiden, wurde es Zeit zur Arbeit zu gehen. Da er nicht vermögend war, mußte er arbeiten. Seine Eltern waren weder arm noch reich, er war weder arm noch reich und seine Kinder wären ebenfalls weder arm noch reich, würde es sie geben. Es gab jedoch keinerlei Veranlassung dazu. Seine berufliche Tätigkeit ernährte ihn und er machte nichts, was ihm unmoralisch vorgekommen wäre; also nichts mit Waffen, Politik oder Werbung. Er genoß seine Mittagspause alleine, war freundlich und hilfsbereit und er verabscheute seine Mitmenschen. Still fuhr er abends in der S-Bahn nach Hause, schaute aus dem Fenster und dachte an nichts. Daheim angekommen, schloß er sich in die Wohnung ein, machte es sich bequem, aß eine Kleinigkeit und ging schließlich wieder zu Bett, in welchem er noch ein paar Zeilen aus einem Buch oder einem Artikel las. Noch einen Schluck Wasser, dann schlief er ein. Meistens träumte er dann nichts oder er konnte sich nicht erinnern und wenn er etwas träumte, dann erinnerte er sich, daß es absolut nichts zu bedeuten hatte.
Tagsüber hatte er oftmals ein Gefühl, daß ihm den Eindruck vermittelte, daß es nicht ausreichend ist, sein Leben einfach nur so in Empfang zu nehmen und runterzuleben. Da war dieser Drang etwas zu schaffen, sich zu äußern, Dingen seinen Stempel aufzudrücken, also sich einer Tätigkeit zu widmen, die man als kreativ bezeichnen könnte und das obwohl er keinerlei Beziehung zu diesem Tun hatte. Seine Eltern waren weder Musiker, noch Schauspieler, in seinem Umfeld gab es keine Autoren oder Maler. Da gab es nur die dummen Arbeitskollegen, mit denen man sich, Gott sei Dank, nur fachlich auseinandersetzen mußte und die Vögel im Baum gegenüber. Er wußte, daß nichts aus seinem Leben überlieferungswürdig war oder das es keinen Mangel an ausgedachten Geschichten gab, aber er begann, Texte aufzuschreiben. Streng betrachtet war es nur ein Anfüllen der Zeit mit einer sinnlosen Tätigkeit. Es war nicht dazu bestimmt von anderen gelesen zu werden. Und selbst wenn es ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes lesen würde, nachdem man die mumifizierte Leiche des Autors drei Jahre nach seinem Ableben gefunden hätte, wären die Inhalte belanglos und deren Trägermedien direkt in einen blauen Plastikmüllsack gewandert. Alles war nur einer Illusion geschuldet, die er von seinem Wesen als Person hatte, von seiner Vorstellung, daß genau diese Ausprägung von Atomen, die seinen Namen hatte und die ab und an Post vom Finanzamt bekam, irgendwie deutlich machen müßte, daß sie irgendwann einmal existierte und Post vom Finanzamt bekam. Nicht aus dem Bedürfnis heraus berühmt zu werden oder gar Geld damit zu verdienen, sondern lediglich, um für einen kurzen Moment die Leere zu vergessen. Dennoch: Die Buchstaben, Leerzeichen und Satzzeichen versuchten eine Ordnung zu erzeugen. Ihre Präsenz auf dem Papier sagten aus, daß es ein Oben und ein Unten gäbe, ein Schwarz und ein Weiß, einen definierten Raum und das man sich darin bewegen könnte, als wäre es ein vertrauter Ort. Manchmal sprach er die Texte laut, die Rezitation ließ Dinge und ihre Beziehung zueinander entstehen und von Zeit zu Zeit hielt er inne und wunderte sich ob der Schönheit, die entstanden war, einfach so, nahezu ohne sein Zutun. Aber wie alle Schönheit, war auch diese nur ein Trugbild, eine Sinnestäuschung; sobald die Worte verklungen, aufgebraucht waren, verschwand sie. Manchmal machte er dann das Fenster auf, ließ die kalte, reale Luft seiner Heimat hinein, faltete aus seinem Text einen Papierflieger und ließ ihn zusammen mit den kleinen Vögeln fliegen, unter ihm die geschäftigen Passanten.

Podophilie

„Und deshalb müssen wir uns von Ihnen mit sofortiger Wirkung trennen.“, sagte der Mann mit dem weißen Hemd und mit der schönen, fein gemusterten Krawatte, die bestimmt sehr teuer gewesen war. „Aber sie wissen doch, daß das nur mit meiner Krankheit zusammenhängt.“, versuchte er zu erklären, aber der sorgsam gekleidete Mensch gegenüber machte nur eine abwehrende Handbewegung. „Herr Müller, es geht einfach nicht, daß sie unten ohne bei unseren Kunden oder Geschäftspartnern auftauchen. Das entspricht nicht unseren Firmenrichtlinien. Wir haben in der Vergangenheit mit ihnen Gespräche geführt, wir haben ihnen erläutert, welche Konsequenzen ihr Verhalten haben wird und nun treten eben diese Konsequenzen ein. Die Geschäftsleitung stellt sie frei, bis sie eine neue Tätigkeit gefunden haben. Wir gehen davon aus, daß das nicht länger als 3 Monate dauern wird. Guten Tag.“ und wies mit dem Finger auf die Türe, während er sich schon wieder einem Dokument auf dem Schreibtisch widmete. Herr Müller wurde vom Sicherheitsdienst in Empfang genommen und durfte noch seinen Schreibtisch ausräumen. Er hatte noch nicht einmal Zeit sich von seinen Kollegen zu verabschieden; nicht das er darauf sonderlich erpicht gewesen wäre, aber diese Behandlung kam ihm jetzt auch ein wenig herzlos vor. Immerhin hatte er nicht in die Kasse gegriffen oder den Chef verprügelt, wobei letzteres sicher jetzt ein klein wenig über seine miese Stimmung hinweggeholfen hätte. Das Taxi, das die Firma freundlicherweise bestellt und bezahlt hat, wartete schon draußen auf ihn. „Wohin soll es gehen?“, fragte der Fahrer, der nach seiner Kopfbedeckung zu urteilen Sikh war. Der frisch Ausgestoßene nannte seine Adresse und verfrachtete die Habseligkeiten neben sich auf die Rückbank. Sechs Jahre waren mit einem Streich beendet und davon vollkommen unbeeindruckt fuhr der Kutscher los.

Am nächsten Morgen begann Herr Müller direkt mit der Suche nach einer neuen Stelle. Er schrieb Bewerbungen, durchsuchte gezielt die Anzeigen in der Zeitung und aktivierte seine Job-Bots, kurz, er war voller Tatendrang und Zuversicht. Gegen Mittag gönnte er sich eine kurze Pause und ging zu dem thailändischen Imbiss, der diese leckere, scharfe Kokosmilchsuppe anbot. Sie lag in direkter Nachbarschaft und ein kleiner Spaziergang würde ihm gut tun. Wie schon in den vergangenen Jahren ignorierte er die mehr oder minder stierenden Blicke, die auf seine unteren Extremitäten zielten. Er war die Irritation bei Fremden gewohnt und die Menschen aus seinem Viertel, die ihn kannten, machten sich schon lange nichts mehr daraus. Endlich am Imbiss angekommen, stellte er sich brav in die Schlange, die der Beliebtheit und dem köstlichen Essen geschuldet war und fing an in seinem Smartphone zu lesen, bis ihn eine schrille Stimme und die Spitze eines Regenschirmes wieder in die Realität zurückholten. „Junger Mann! Sind sie unverschuldet in Not geraten? Dann gebe ich ihnen Geld für ein Essen hier. Aber wenn sie ein Säufer sind, dann…“ „Wieso in Not geraten?“, unterbrach er die Dame, die mit Sicherheit schon Mitte achtzig war und ihn irritiert von oben bis unten ansah, während sie mit ihrem Regenschirm an seine Waden tippste. „Na, sie sind mir ja einer – sie können sich ja noch nicht mal Schuhe leisten!“, dachte die Oma laut. „Hell Müllel immel balfuß, gut fül de Kopf!“, gab der Inhaber über den Tresen zu verstehen und die Oma schaute noch irritierter. In Anbetracht der bevorstehenden wohlschmeckenden Suppe und seiner guten Laune, hob Herr Müller an und erklärte sich: „Nein, ich könnte mir schon Schuhe leisten, aber wenn ich barfuß gehe, dann verschwinden meine Kopfschmerzen. Sie müssen wissen, ich hatte nach einem Unfall sehr, sehr starke chronische Kopfschmerzen und dann habe ich zufälligerweise herausgefunden, daß sie verschwinden, wenn ich barfuß laufe. Am besten über Waschbetonplatten, aber die gibt es ja mittlerweile nicht mehr so oft.“ Nach einer Weile äußerte sich die ehemalige Flakhelferin: „Das finde ich gut, wir haben damals auch nicht wegen jeder Kleinigkeit Tabletten genommen. Außerdem härtet das ab.“, sprachs und nahm ihre Bratnudeln entgegen.

Doch die Zeit verging schnell und Herr Müller, der mit Vornamen Jochen hieß, war nicht mehr voller Tatendrang und gut gelaunt auch nicht mehr. Es stapelten sich die Absagen in seinem Emailpostfach und bei allen Vorstellungsgesprächen, zu denen er eingeladen worden war, kamen die Personaler sofort auf seine nackten Füße zu sprechen, die zwar pedikürt und wohlduftend waren, aber eben nicht in Socken und Schuhen steckten und so unmittelbar und sofort zu einem Ausschlußkriterium wurden. Die Zeit wurde knapp und die Rechnungen wollten bezahlt werden und ab und an eine Suppe beim Thailänder wäre doch auch schön, für Herrn Müller und den Thailänder. Also suchte Jochen nun auch schon jenseits seines gelernten Berufes, auch in den Printausgaben der Zeitungen, den kostenlosen, werbefinanzierten Anzeigenblättchen und den schwarzen Brettern der Supermärkte. Doch auch dort wollte man keine Küchenhilfe oder Reinigungskraft ohne Fußbekleidung. Selbst als Kollege des turbantragenden Sikh wollte man ihn nicht haben und verwies auf Sicherheitsbestimmungen im Personenbeförderungsgewerbe. Vielleicht hätte er behaupten sollen, daß seine Schuhlosigkeit seiner Religion geschuldet waren und er folglich nicht diskriminiert werden dürfe. Aber auf diesen Gedanken kam der ehrliche Jochen nicht.

Dann, eines Abends, entdeckte er eine Kleinanzeige, die folgendermaßen formuliert war: Auf der Suche nach einem geregelten Einkommen? Haben sie große und gepflegte Füße? Dann melden sie sich in der Kellermannstr. 46, im Souterrain, ab 20 Uhr. Leichte Arbeit und nette Kollegen. Jochen war schon zu frustriert, um noch irgendetwas wirklich Gutes zu erwarten und machte sich eher widerwillig auf den Weg. Die Kellermannstraße lag in der Vergnügungsmeile der Stadt, Clubs, Kneipen und rotbeleuchtete Fenster, Betrunkene, Jungesellen- und Gesellinenabschiede, torkelnde Touristen, kurzum, genau die Art von Unterhaltung, die Herr Müller am wenigsten leiden konnte und von daher hat er schon immer einen großen Bogen um den Stadtteil gemacht. Zu seiner Überraschung war die Hausnummer 46 von außen eher unscheinbar und die Türe am Ende der kleinen Treppe wäre leicht zu übersehen gewesen.

Er wurde von einer rundlichen Dame mittleren Alters empfangen, die aufsehen musste, um mit ihm zu reden. „Ich sehe, sie haben selber eine Vorliebe für nackte Füße.“ und deutete hinab. „Das ist rein medizinisch.“, murmelte Herr Müller, während er durch Analyse der Gesprächspartnerin und der Einrichtung nähere Hinweise auf den Job zu bekommen versuchte. „Ich sage es frei heraus: die Damen, die hierhin kommen, werden durch nackte Füße sexuell stimuliert. Und meistens ausschließlich durch Füße. Wir offerieren ‚Fußzeit‘ und suchen dafür Menschen, die gegen Geld zeitweise ihre Füße zur Verfügung stellen.“ „Eine Fuß-Hure!“, platzte es aus Jochen Müller heraus und er bat sofort um Entschuldigung. „Kein Problem, es klingt anfangs ein wenig merkwürdig, aber das legt sich. Ich zeige ihnen mal ihren potentiellen Arbeitsplatz und wie alles funktioniert und dann können sie sich entscheiden. Geile Füße habe sie auf jeden Fall.“ Herr Müller errötete ein bißchen und trottete hinter der kleinen Frau hinterher, die Räumlichkeiten waren nicht allzu groß, aber alles war dezent und geschmackvoll eingerichtet. Kein Rotlicht und keine Fototapeten mit kitschigen Stränden oder Spiegel an der Decke. Es gab vier Zimmer und in jedem Zimmer standen sich zwei Sessel gegenüber in der Mitte ein Fußbänkchen. Hinter einem Paravent ein Handwaschbecken und diverse Cremes und Öle. Das wars. „Sie treffen sich mit den Damen in dem Zimmer und tragen dabei eine Maske. Sie müssen nichts sagen oder von sich preisgeben, wenn sie nicht möchten“.

Alles ging mit größter Diskretion von statten, Jochen hieß nicht mehr Jochen und während seiner Sitzungen sagte er nie ein Wort. Das Geld war zwar nicht üppig, aber es kam regelmäßig und Pia, die Betreiberin des Fußfreundinnen-Clubs, war eine korrekte und warmherzige Arbeitgeberin. Ab und an steckten einige Kundinnen ihm nach einer Sitzung noch einen Schein zu, gewissermaßen ein Trinkgeld und nach einer Weile kam ihm nichts an seiner Tätigkeit mehr merkwürdig oder anrüchig vor. Im Gegenteil, er wunderte sich, daß die Frauen ihrer Neigung im Verborgenen nachgehen mussten. Aber aufgrund der Kleidung und Ausdrucksweise der Kundinnen hatten sie scheinbar auch was zu verlieren. Eines Tages hatte er eine Sitzung mit einer Stammkundin und nach dem Vorspiel, das aus ein bisschen Lecken und Saugen bestand, wobei er sich sehr zusammennehmen musste um nicht zu lachen, holte sie aus einer Tasche ein paar Lederschuhe und Seidenstrümpfe hervor und begann sie ihm anzuziehen. Jochen Müller wußte nicht so recht, ob er intervenieren sollte, seinen speziellen Fall erläutern, aber er hätte mit Sicherheit die erotische Atmosphäre zerstört und das wollte er der schwer atmenden Frau nicht antun. Also ließ er es geschehen und so kam es, dass er nach der vereinbarten Zeit, nachdem die Kundin ihm einen Schein in einem Kuvert hinterließ und gegangen war, im Sessel saß und italienische Maßschuhe (sie mußte beim Lecken Maß genommen haben) und spanische Seidenstrümpfe an seinen Füßen trug. Vorsichtig stand er auf und ging ein paar Schritte durch den Raum und – nichts. Keine Kopfschmerzen. Er ging schneller und hüpfte ein wenig auf der Stelle, ging in die Knie und auf die Zehenspitzen, aber das alte, schädelsprengende Gefühl blieb aus. Er beendete seine Schicht und ging nun das erste Mal seit Jahren mit Schuhwerk die Straßen bis zur U-Bahn Haltestelle, lief auf dem Bahnsteig auf und ab, stand in der Bahn auf den Fersen und ahmte bis zu seiner Haustüre John Cleese und the ministry of silly walking nach.

Einen Monat später hatte er wieder einen Job in seinem alten Beruf und er verkaufte wieder Versicherungen.

Unbemerkt

Unsere missgebildeten Brüder und Schwestern kamen in den dunklen Keller, unsere Eltern schlossen sie direkt nach der Geburt dort ein, permanent ihre Liebe beteuernd. „Genauso, wie wir emporsteigen, werdet auch ihr bald den Keller verlassen können und eure Kleider werden prächtiger werden!“, flüsterten sie. Und das Haus wurde größer und höher, bekam mehr Stockwerke und wir wandelten frei zwischen ihnen hin und her.
Nur, der Keller blieb verschlossen. Immer wieder riefen die Kinder nach ihren Eltern und diese sangen liebliche Melodien zu ihnen hinunter, während sie die Stabilität der Türe prüften und ihren Müll und Unrat von Dienern in den Keller hineinkippen ließen. Während wir in die hohen, weißen Türme zogen, deren Türknäufe aus Gold und die Kopfkissen der seidenen Betten mit Einhornhaar gefüllt waren, lebten die Diener und Zofen immer ein paar Etagen unter uns.
Und noch immer schrien meine Geschwister aus dem Keller zu uns hinauf, in Kot und Unflat stehend, immer noch voller Hoffnung in unsere Eltern, die mittlerweile Gewänder aus Blüten trugen, während wir in Licht badeten. Bald aber überkam die Kellerkinder große Traurigkeit und sie ahnten, daß sie niemals aufsteigen und die Liebe ihrer Eltern und Geschwister erfahren würden. Deshalb steckten sie ihre kleinen, mageren Finger in das Schloß der Kellertüre und drehten solange bis das Fleisch in Fetzen hing, Bäche von Blut und Tränen den Mechanismus zersetzten und Knochensplitter die Riegel und Zapfen im Inneren auseinanderdrückten, so daß die Türe aufsprang. Es schrien die Sklaven und Diener, daß die Flut der ungeliebten Kinder über sie hereinbräche und Krankheit, Verbrechen und Tod ihre Begleiter seien. Sie verloren ihren Verstand und stürzten sich in ihre Schwerter, obwohl die Elenden ohne sie zu beachten aus dem Haus krochen, um die Sonne zu sehen und niemals wieder zurückzukehren.
Ohne Diener und Sklaven konnten wir uns nicht mehr ernähren und waschen und bewegen. Die Eltern fingen an, ihren Hunger an unseren Leibern zu stillen und bei jedem Schnitt den sie taten, versprachen sie uns ein ewiges, seliges Leben, nachdem unser Fleisch zur Nahrung für sie geworden wäre. Also hielten wir still und starben. Dann, als kein Kind mehr übrig war, begannen sie, sich gegenseitig zu verspeisen. Allen Lebens beraubt blieb das prunkvolle Haus zurück und bald schon wuchsen dort Pflanzen, die blühten, ohne daß es jemand bemerkte.

Heilbumsen

He doesn’t play for money wins,
he doesn’t play for respect.

Sting

Es geht gar nicht um mich. Vielmehr um einen Dienst an den Mitmenschen. Ich meine, wenn sich die Leute um Obdachlose kümmern oder für Greenpeace engagieren, dann ist das gar kein Gesprächsthema mehr. Also zumindest die letzten paar Jahre, immerhin gibt es die Grünen jetzt auch als Ministerpräsident und so. Und so sehr stehe ich auch gar nicht auf Frauen und ich hänge halt auch nicht permanent auf einschlägigen Dating-Internetseiten rum. Sie dürfen sich da nichts falsches vorstellen.

Angefangen hatte es mit der Freundin von einem Bekannten, die wollte eigentlich nur reden und weil ich dieses „Erzähl-mir-dein-Leben“-Gesicht habe, ging das stundenlang. Nicht, daß es mich nicht interessiert hätte. Ich finde es schön, wenn die Menschen mir vertrauen und ihr Herz ausschütten. Sie hat auch wirklich doll gelitten und sich so viele Dinge vorgestellt, wie es zu laufen gehabt hätte und wie das Leben zu sein hat und dann war alles so anders gekommen und dann war da Schuld und ganz wenig Liebe, gemeine Vertrauensbrüche, böse Worte. Dann war sie so überwältigt, dass sie mich berühren musste und so kam plötzlich der Sex dazwischen und eigentlich wußte ich gar nicht so recht, ob das alles so seine Richtigkeit hat, aber passiert ist passiert. Nachdem es vorbei war, hat sie sich geschämt. Das fand ich unnötig. Ich sagte ihr dann, dass es nur eine Art Fortsetzung des Zuhörens gewesen sei, quasi physisches Zuhören und die Hauptsache sei, daß sie sich ein bisschen besser fühlt. Entspannung ist doch wichtig, oder? Jedenfalls war es das Stichwort und von da an hatte sie ein erhöhtes Bedürfnis nach Entspannung. Und irgendwie gefiel ihr wohl auch, daß es keine Verpflichtung zu irgendwas gab und als ich noch kleiner war, war ich generell sehr hilfsbereit. Außerdem ist es ganz natürlich. Man hat doch auch so einen angeborenen Drang zur Bewegung.

Daneben gab es aber auch ihren großen Freundeskreis und bald bekam ich eine andere Email. Von fehlender Entspannung war die Rede und von meiner offenen Art und ob ich mir nicht vorstellen könnte, sich einfach mal zu treffen, ganz ergebnisoffen, um zu sehen und so weiter. Wenn ich eine Spinne zuhause entdecke, dann trage ich sie doch auch in einem Glas nach draußen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch eher weniger abends vor, bin nicht so der Kneipentyp, und habe zugesagt. Irgendwann habe ich dann aber meine Mitgliedschaft im Sportverein gekündigt, weil ich es einfach nicht mehr geschafft habe zum Yogakurs und Aquajogging zu gehen und gehe nun lieber regelmäßig zum Arzt.

Und als ich dann endlich die Visitenkarten hatte, dachte ich darüber nach, daß es doch auch in Ordnung wäre, die ein oder andere Spende anzunehmen, die man mir ohnehin immer angedeihen lassen wollte. Viele der Termine liegen halt auch ein bisschen weiter draußen, ich habe aus Überzeugung kein Auto und dann nehme ich ein Taxi, bis auf im Sommer, dann ist ein bisschen Fahrrad fahren sehr nett, nur auf dem Rückweg kann es manchmal zwacken. Nein, ich will mich nicht bereichern, es ist halt nur so, daß auch das Babyöl, die Gummihandschuhe und die Batterien von irgendwas bezahlt werden müssen.

In so einem Internetforum für Rechtsfragen habe ich dann nach Gemeinnützigkeit gefragt, aber das scheint nicht so einfach zu werden. Obwohl es doch für alle gut wäre, wenn man die Spenden steuerlich geltend machen könnte. Ist doch bei amnesty genauso.

Fernbeziehung

Gustav versuchte seine Ruhe zu finden. Sicherlich, ein Zug voller Menschen, die alle nur noch nach Hause wollten, ist nicht unbedingt der Hort der Ruhe, aber es gab zwischen den ganzen Profi-Pendlern die stille Übereinkunft, dass man sich auf dem Weg zur und von der Arbeit weitestgehend in Ruhe ließ. Er hatte Glück, denn ein Sitzplatz am Fenster und in Fahrtrichtung wurde just in dem Moment frei, als er den Wagon bestieg. Die Häuser rauschten vorbei, das Treiben, die Autos und vorbeifliegende Szenen lullten ihn ein, das ersehnte Gefühl des Vergessens kündigte sich milde an. Der Zug fuhr mit gemäßigter Geschwindigkeit in den nächsten Bahnhof ein, Reihen von Menschen auf dem Bahnsteig stehend, auch sie voller Hoffnung auf kurzfristiges Verdrängen des Tages und Erlösung durch die Lieblings-Serie. Gustavs Favorit war eine Fantasy-Produktion, in welcher mindestens einmal pro Folge ein Charakter möglichst spektakulär, blutig und unerwartet aus der Geschichte entfernt wird und die gutgebauten weiblichen Figuren ihre Reize mehr als deutlich und hochauflösend den Konsumenten entgegenstöhnten. Ein internationaler Erfolg.

Die Türen öffneten sich, Menschen schoben sich raus und andere Menschen wieder hinein. Er starrte leer in der Gegend herum, so dass er nicht bemerkte, dass sich die Zusammenstellung seiner Sitznachbarschaft änderte. Erst als das Reden einsetzte, schreckte er auf. Neben und vor ihm saßen nun zwei junge Frauen in ihren Zwanzigern und verstießen gegen das heilige Gesetz der Pendler-Trappisten. „Und dann habe ich sie direkt gefragt…“ „Und was hat sie gesagt oder hat sie wieder drumherum geredet?“ „Also, sie hat nur davon geredet, dass sie Ende Mai geht und…“ „Was? Nicht wirklich, oder?“ „Doch, aber natürlich nix konkretes…“ „Und was hat Klaus dazu gesagt?“ „Der war grad nicht da.“ Vor Gustavs geistigem Auge zerstoben Bilder von Drachen und halb-nackten Kriegerinnen und er nahm erstmals die Tunnelbeleuchtung wahr. Sie war blau. „Wie ist es eigentlich mit deiner Beziehung?“ Gustav ahnte Schlimmes. Es waren noch zwanzig Minuten, bis er aussteigen konnte und jetzt kam so eine Eröffnung von der Blondine links. „Seid ihr wieder zusammen?“ Die andere Blonde vor ihm fing an nervös an ihrer Lippe rumzupulen. „Nein. Also nicht richtig wieder zusammen. Ich habe das noch nicht entschieden.“

„Hör auf!“ Er hatte die Hoffnung, dass damit die Konversation gemeint war, aber die linke Blondine wollte nur, dass die vordere Blondine aufhörte sich die Lippen in Fetzen zu zupfen. „Du musst dich aber auch entscheiden!“ „Habe ich ja – ich habe ihm gesagt, dass wir erst wieder richtig zusammen sind, wenn ich merke, dass sich etwas geändert hat. Sonst nicht.“ „Was hat er darauf gesagt?“ „Jaja, aber wenn man soweit auseinander lebt, dann ist das nicht so einfach. Es wäre was anderes, wenn wir in einer gleich großen Stadt leben würden. Und da hat Silke ja auch Recht und das ist der Grund weshalb wir so oft und so heftig streiten.“ „Ja, das stimmt. Das macht ihr immer.“ „Und er ist ja kein Kind, dem ich Vorschriften mache!“ „Ich finde ja auch, dass man niemandem Vorschriften machen sollte…“ „Aber du willst mir sagen, was ich tun soll?“ „Nein, nein, ich weiß ja gar nicht wie er so ist in der Beziehung und was er so sagt und wie er dich behandelt!“ Die andere Blondine verzog ein wenig ihr Gesicht. Gustav meinte zu spüren, wie ihm Blut aus den Ohren lief. „Wenn man so eine Fernbeziehung hat, dann ist das mit doppelter Kraft.“ „Und der Job steht höher als du!“ „Aber damit habe ich kein Problem. Das ist für mich in Ordnung.“ „Du findest, dass es ok ist, wenn der Job höher steht?“ „Klar, das verstehe ich. Aber wieso fährt er nicht mit mir in den Urlaub?“ Gustav kannte den Grund. Oder tausende. „Vielleicht hat er kein Geld mehr oder so, aber dann war er schon vorher mit seinen Freunden im Urlaub und das verstehe ich nicht.“

Die Blondine zur Linken zückte ihr Smartphone und wischte hektisch darauf rum. „Tschuldige, ich, wenn ich nicht jetzt, dann…“ Die automatische Ansage im Zug kündigte als nächste Station den Hauptbahnhof an. Gustav schöpfte Hoffnung. Normalerweise stiegen 75% der Mitfahrer dort um. „Ich muss jetzt raus.“, sagte die vordere Blondine. „Ich komme mit, ich habe den Termin umgelegt und gehe direkt in’s Studio.“ Richtig glücklich schien die Vordere nicht damit zu sein, lächelte aber und beide erhoben sich von ihren Sitzen und verließen den Zug. Gustav wollte nicht wissen, um welche Art von Studio es sich handelt. Seine Schultermuskulatur entspannte sich jetzt geringfügig. Immerhin war es für die letzten Stationen bis nach Hause ruhig und er konnte sich entscheiden, was er beim Döner-Mann fürs Abendessen holen wollte. Vielleicht wäre ein Döner Teller mit Pommes angesagt – nach der vielen Pizza letzte Woche. Und irgendwann würde es auch mal mit einer Freundin bei ihm klappen; da war er sich sicher.

RE: Message in a bottle

Amnesty International würde gegen meine Haftbedingungen protestieren, wenn ich in einem Gefängnis wäre.

 

Ich bin aber freiwillig hier.

 

1×2 Meter mit Licht, Handwaschbecken und Toilette. Sogar eine Steckdose kann ich nutzen.

 

Kein Fenster.

 

Eines abends, kurz vor dem Abendbrot habe ich beschlossen, einfach abzuschließen und hier zu bleiben.

 

In der Türe gibt es unten so einen Lüftungsschlitz.

 

Der ist groß genug, damit man mir das Essen rein reichen kann oder mal neue Kleidung. Waschen kann ich meine Socken ja im Waschbecken. Mit ein paar Seifenhobeln.

 

Anfangs haben natürlich alle versucht mich da raus zu reden. Mit guten Argumenten zuerst, dann mit Drohungen, später mit Flehen und Bitten, aber schließlich hat man meinen neuen Lebensraum einfach akzeptiert.

 

Durch den Schlitz in der Türe kann ich sogar meinen Kindern manchmal die Hand geben.

 

Zugegeben, die ersten Jahre war es ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn schließlich ist das Licht ja immer an. Der Lichtschalter befindet sich halt draußen vor der Tür. Draußen vor der Tür.

 

Notizen mache ich mir auf dem Toilettenpapier. Das geht gut, solange es keine albernen Blümchenmuster hat.

 

Das Schlafzimmer meiner Frau ist direkt nebenan.

 

Von Zeit zu Zeit höre ich eindeutige Geräusche aus dieser Richtung.

 

Aber ich bin einverstanden.

 

Irgendwann habe ich mir dann auch ein Handtuch über den Spiegel gehängt.

 

Richtig erschrocken war ich, als eine dunkelhäutige Hand durch den Schlitz in der Tür kam.

 

Scheinbar ein Ausländer, der sich um meine Belange kümmert, wenn diese Familie im Urlaub oder sonstwie abwesend ist.

Geräusche von nebenan.

Er spricht nicht viel. Eigentlich gar nicht. Ob er überhaupt reden kann, weiß ich nicht, aber es ist mir auch egal. Ich nenne ihn Freitag.

 

Alles in allem bin ich ziemlich zufrieden in meiner Welt.

 

Kleine Spinnen kommen manchmal zu Besuch. Kleine Spinnen.

 

Oder ein Falter verirrt sich in mein Reich.

 

Solcherlei Gesellschaft ist aber nie von langer Dauer, denn schnell verschwinden die Gäste wieder. Sie langweilen sich wohl. Zuwenig Action.

 

Das mit der Flaschenpost durchs Klo war eigentlich nur so eine Schnapsflaschenidee.

 

Aber schön, dass sie mitlesen.

 

Ich halte sie auf dem Laufenden. Laufenden.

 

R.

Verluste

Mit Schrecken festgestellt, daß ich meinen Penis zuhause liegen gelassen habe. Eigentlich war es mein rechtes Auge. Oder eine meiner Nieren? Ich stellte es fest, als ich auf die S-Bahn wartete. Kurz darüber nachgedacht zurückzugehen. Dann aber merkwürdig befreit gefühlt. Vielleicht war es doch gar kein lebensnotwendiges Organ? Jetzt kann ich besser atmen und ich halte mich auch gar nicht mehr so krumm. Es muß der Nasenpolyp sein, der fehlt. Aber woher kommen diese Phantomschmerzen in den Fingerkuppen? (Die Stadt könnte mal einen Frühling gebrauchen.) Jetzt erst bemerke ich, daß die Leine fehlt. Normalerweise ziehe ich sie immer hinter mir her, schlaff und schlangenartig, aber von Zeit zu Zeit straffe ich sie und spreche in die alte Erbsenkonserve. Dann höre ich Vertrautes und fühle mich ich; die meiste Zeit des Tages klappert die Dose aber über den Asphalt und jeder kann hören, wo ich langlaufe. Dass ich mich jetzt so lautlos bewegen kann, macht mir ein bisschen Angst. Vielleicht denken nun ein paar Protestanten, ich hätte etwas zu verbergen?