time passes

Es ist schon wieder Blut an meinen Fingern, weil ich mich aufgekratzt, ich bin so aufgekratzt, eher nein, das Gegenteil davon, sediert, aber nicht ruhig, suchend, verzweifelt, weil es zur Zeit keinen Rückzugsort von meinem Rückzugsort gibt. Wenigstens ist das Radio nun menschenleer, nur Stimmung, Welle auf Welle, Frequenzmodulation, die arme Amplitudenmodulation stirbt aus, aber es ist alles eine Lüge, weil schon lange Internetradio. Der Raum leuchtet und versucht mich unsittlich mit seinen Photonen zu berühren. Dreiunddreißig Grad Celsius. Die Menschen frohlocken und sollen sich aus ihren Mittagspausen in die Wärme begeben, aber wozu? Vitamin D, damit man nicht depressiv wird, oder? Durch meinen Körper fließt die Zeit, damit sie sich über die Tastatur auf den Bildschirm ausbreiten kann. Oben rein, an den Fingern raus. Alle anderen Konzepte sind nicht erreichbar, kein Anschluss unter dieser Nummer, the number you have dialed is temporaryly not available. Triebabfuhr, Schlaf, Benutzung von Menschen, Nahrungsaufnahme. Menschlicher Abfall gammelt leise vor sich hin, in einigen Fällen sogar einsam, was ich zum Glück nicht bin. Der Mensch muss tanzen und wenn er nicht tanzen kann, dann ist er nichts wert, dann ist sein Leben ein Falsches und die Quittung ist permanentes Auf-die-Füße-getreten-werden oder, wenn man Pech und zuviel Geld hat, Ruhe. Die anderen müssen dafür auf den Tod warten. Jetzt schmerzt der Rücken, die Sonne sorgt für Reflexe auf dem Bildschirm, das Bild eines häßlichen, mittelalten, männlichen Menschen mit Brille; kann mich damit gar nicht so recht identifizieren, vor allem nicht mit der Sehschwäche. Der Endlos-Loop des Lebens, graue Haare, wer will mich zwingen? In den alten Textadventures gab es ein Kommando, das ‚wait‘ hieß. Die Antwort war immer [time passes].

[time passes]

[time passes]


Liegen nur Sekunden dazwischen oder doch Jahre? Ich will dich nicht belehren, geneigter Leser, oder dir verklausuliert und verpackt in einer schönen, spannenden Geschichte meine Meinung darlegen. Hier gibt es nichts zu sehen. Gehen sie weiter. Immer noch da? Na, dann eben die harte Methode:

[time passes]

Und irgendwann, so hoffe ich, wenn du nur lange genug am Ball geblieben bist, dann wirst du mir weinend deine Zuneigung gestehen und dann werde ich auch weinen und dir die Hand halten, weil nichts anderes zu tun ist.
Der erste Schritt, auf dem Wege der vielleicht möglichen, aber dann doch nicht eintretenden Verbesserung des Gesamtzustandes ist, sich die Realität des Problemes einzugestehen. Dazu mußt du dir jetzt eine Aufzählung der schrecklichen Dinge vorstellen, die sich Menschen entweder gegenseitig antun oder ihrem Habitat. Ich nehme jetzt einfach mal dafür eine Variable und nenne sie $KroneDerSchoepfung. Diese Liste erweitert sich dynamisch, wird von vielen verschiedenen Quellen gespeist und geht niemals gegen Null. Wir alle sorgen dafür, daß sie sich nicht leert.
Tschuldigung, jetzt habe ich doch wieder sowas jammervolles geschrieben. Soll nicht wieder vorkommen.
Wäre es eigentlich schlechter oder besser, wenn es jetzt regnen würde? Es gibt Menschen, die ihre Verfassung auf das Wetter schieben. „Mir geht es nur gut, wenn die Sonne scheint und es schön warm ist.“ Wie sehr ich manche Menschen dann doch beneide. Die Mitmenschen kommen müde von der Erwerbstätigkeit nach Hause, die meistens darin besteht, andere Mitmenschen zum Kauf möglichst vieler oder teurer Produkte oder Dienstleistungen zu bewegen. Direkt oder Indirekt. Auch der Soldat stirbt für den ungehinderten Konsum heutzutage. Die Transformation des Planeten in ein Objekt der Märkte.
Ich habe vergessen, was ich nachsehen wollte. Emails checken? Bestimmt nur wieder irgendwie ablenken. Auf dem Nutellaglas, über dem QR-Code steht: „Erlebe täglich Neues!“. In Nutella ist auch Palmöl. Meine Gedanken schweifen zu Monetarisierungsmöglichkeiten ab. Menschen könnten live zusehen, wie ich schreibe, per Periscope app streame ich meine Literatur in die große, weite Welt und werde berühmt. Wie verdreht ich doch bin. Dabei sind Prince, David Bowie, Umberto Eco und Roger Willemsen tot und das sollte doch eine abschreckende Statistik zum Thema Berühmtsein darstellen, oder? Oder? Nein, ich werde auch keine ordnenden Jahresangaben oder Zeitstempel einfügen. Alles was der Illusion der Ordnung Vorschub leistet, ist verboten. What you see, is what you get. Dogmatisch? Dog? Na, und? Ist doch mein verhuschtes Dasein! Trotzreaktion, kindliche, verdammte! Geh‘ doch mal lieber raus und erleb‘ mal das richtige Leben! Nicht immer nur rumjammern und dann am Ende des Tages alles in die Cloud speichern, nichts anderen Menschen zeigen und fünf Gin Tonic saufen! Überhaupt dieses Gejammere. Scheinbar werde ich jetzt auch noch wunderlich.
Am Ende lebt man dann doch länger, als man es immer gedacht hat. Gerade fällt mir auf, daß der Editor, mit dem ich schreibe, nicht wirklich konsistent im Umgang mit Markdown ist. Außerdem brauche ich kein Markdown. Aber ich brauche jetzt auch kein Rumgefummele mit tausend Editor-Alternativen. Einfach runterschreiben tut not. Runterleben. Im Runterleben aufleben. Jack Kerouac hat auf einer Rolle Papier geschrieben. Damals gab es keine Computer und wie wäre er wohl jetzt entzückt gewesen zu sehen, daß es eine wahrhaft endlose Projektionsfläche für Text gibt.