Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 3

Aurora und Hope saßen fest. Es war bitterkalt und nichts ging mehr. Weder vor noch zurück. Die Männer waren verzweifelt, als sie ihre Ausrüstung und ihren Proviant aus den Schiffen holten. Soweit das Auge reichte, war das Meer zugefroren und sie konnten sich nicht vorstellen, daß sie jemals lebend aus dieser Situation herauskommen und zurück bei ihren Lieben sein würden, alt werden und ihren Kindern und Enkeln von dieser wundersamen Welt erzählen. Nur Commander Aldridge, dritter Earl von Sumpton, bewahrte Ruhe, organisierte die Logistik und führte seine Männer schließlich zum Winterlager, 133km weit entfernt von dem Platz, wo ihre beiden Forschungsschiffe langsam vom Eis zermalmt wurden. „Wir werden dem arktischen Winter trotzen, wir werden hier zivilisiert überleben, wir werden auch in dieser Situation stolz das Empire vertreten und darüberhinaus Tee trinken. Pünktlich um 17 Uhr!“ Die Mannschaft jubelte ob dieser mitreißenden Worte und schöpfte frischen Mut. Vier Monate später saßen zwei vom Skorbut ausgemerkelte Gestalten vor der Überwinterungshütte und weinten bittere Tränen. Sie mußten mitansehen, wie ihre Kameraden starben, sie mußten zuerst die Hunde und dann Teile der Toten essen und jetzt, da nahezu alle Vorräte verbraucht waren, schrieben sie Abschiedsbriefe und betranken sich mit der letzten Flasche Rum. Nach ein paar Stunden sackte der eine der beiden in sich zusammen und starb. Der letzte Überlebende schaute auf in den glasklaren Himmel und legte sich dann neben seinen Kameraden und schloß seine Augen. Eine tiefe Stille umfing sein Herz, eine Ruhe, die ihn sanft hinüber ins Totenreich bringen sollte. „Entschuldigen sie bitte mein Herr, was machen Sie hier?“ Lars Larssen, der Koch der Expedition, schlug seine Augen wieder auf und er sah das durch eine dichte Fellkapuze bewährte Gesicht eines nordischen Ureinwohners. „Ich“, brachte er schwach hervor, „werde sterben.“ Dann schwanden ihm die Sinne.

Der Geruch von Robbentran, der mit Yante-Wurzeln vermischt wurde, ist einmalig. Er pendelt irgendwo zwischen Durianfrucht und einer verwesenden Leiche. Wenn man das zusammen mit heißen Wasser serviert bekommt, dann kann hier nur ein Schamane am Werk sein, jemand der sich damit auskennt, halb erfrorenen Männern die Seele zurück in ihre Körper zu prügeln. Tanpuk Sökök war so ein weiser Mann. Und Lars Larssen hatte unglaubliches Glück gehabt, daß Tanpuk auf der Jagd gewesen war, als er an der Hütte der bekloppten Weißen vorbeikam, die er in den letzten Monaten immer mal wieder aus der Ferne beobachtet hatte. Eigentlich verfolgte er nur eine Fährte, aber statt des Eisbärs, den er eigentlich erlegen wollte, fand er diesen verrückten Sterbenden vor und er beschloß ihn zu retten. Einen konnte er retten. Wenn er vor zwei Monaten beschlossen hätte hier hin zu kommen, um die übriggebliebenden Männer zu retten, dann wären sie alle gestorben – denn soviele Vorräte hatte er nicht. Nach einigen Tagen kam Lars wieder zu Kräften. Zuerst hielt er Tanpuk und seine Behausung für eine himmlische Erscheinung, aber spätestens als Tanpuk ihm aus Versehen den Yante Tee über die Brust goß, akzeptierte Larssen die Realität: er war gerettet. „Lieber Herr Sökök, wie kann ich Ihnen nur für ihren Akt der Nächstenliebe danken?“ „Nun, ich hätte das so ein Anliegen. Sehen sie, ich bin nicht mehr der Jüngste und meine Kräfte schwinden. Aber ich habe hier einen Auftrag zu erfüllen: meine Leute haben mich ausgesandt, damit ich den großen, weißen Eisbär erlege.“ „Ja, das klingt wirklich nach einer wichtigen Aufgabe. Bestimmt ist sein Fleisch und sein Fell wichtig, damit euer Volk den harten Winter überleben kann.“ „Nein, so ist es nicht“, sagte Tanpuk, „meine Leute haben genug zu essen und leben in Holzhütten mit Bolleröfen. Wir verkaufen unsere Felle und bekommen dafür von den dänischen Händlern alles, was wir so zum Leben brauchen. Manchmal sogar Gemüse aus fernen Ländern. Die nennen das Gemüse Paprika und ich mag es ziemlich gerne!“ Lars nickte mit dem Kopf. „Der Grund warum ich den weißen Riesen jage, ist der: in einer schönen Polarnacht, als wir alle selig in unseren warmen Betten lagen, an unsere Frauen geschmiegt und von innen gewärmt vom Wasser des Lebens, kam dieser Bär in unsere Siedlung. Er tappste geradewegs in das Haus unseres Vorstehers und noch bevor dieser hätte aufwachen und zu seinem Gewehr greifen können, fraß er ihn und seine Frau. Aber damit nicht genug – er fraß auch alle Vorräte des Vorstehers inklusive der Paprikas. Und darauf nahm er uns unseren heiligen Fetisch. Rücksichtslos wie er war, fraß er ihn einfach auf. Nun ruht er im Magen dieser Bestie und wir befürchten, daß uns unser Glück verlassen könnte, die Hütten zusammenbrechen, die Frauen mit den Dänen abhauen und wir niemals wieder eine Paprika zu Gesicht bekommen. Von daher muss ich unseren Glücksfetisch wieder zurückbringen!“ „Aber warum ihr? Seid ihr nicht so eine Art Doktor? Gibt es nicht junge, mutige Jäger, die das übernehmen könnten?“ Für eine Weile konnte man nur das Heulen des Windes hören, der draußen vor dem Zelt ziellos umher wehte. Dann erhob Tanpuk wieder seine Stimme: „Wir haben Strohhalme gezogen.“ „Das tut mir leid.“, sagte Lars Larssen und er meinte es auch so, denn zu oft hatte auch er in seinem Leben den Kürzeren gezogen. „Ich glaube, du kannst mir helfen, den Eisbären zu fangen. Du bist ein starker, junger Mann und du schuldest mir eine Kleinigkeit dafür, daß ich dich gerettet habe.“ Lars nickte mit dem Kopf. Tanpuk fuhr fort: „Leg dich jetzt hin, finde Ruhe und zu deinen Kräften zurück und in ein paar Stunden werden wir aufbrechen und das Tier zur Strecke bringen. Dann schlitzen wir ihm seinen Bauch auf, holen unsern Glücksfetisch und vielleicht ne Flasche Aquavit heraus, bringen alles nach Hause und dort machst du uns dann einen leckeren Gulasch aus dem Schlingel.“ „Ok, abgemacht. So wollen wir es halten!“

Am nächsten Morgen machten sich die beiden auf den Weg, sein Hundeschlitten flog über die weiße Landschaft. Mit zusammgekniffenen Augen suchte Tanpuk nach Spuren. Er konnte die ungefähre Route eines Eisbärens vorraussagen, indem er die Beschaffenheit des Schnees und die Windrichtung miteinander in Verbindung setzte und seine Hunde, beziehungsweise ihre Nasen erledigten den Rest. Der Smutje der Aurora verstand nichts von alledem. In seinen Gedanken ging er ein paar Rezepte für Wildgulasch durch und hoffte, daß man sie auf Eisbären übertragen konnte. „Tschhh!“, zischte Tanpuk auf einmal. Lars dachte, daß er ja gar nichts gesagt hatte, aber Tanpuk ermahnte ihn „der Bär kann auch deine Gedanken lesen. Und wenn er merkt, daß du über Eisbärengulasch nachdenkst, dann findet er das bestimmt nicht gut. Lars war verblüfft, aber er hatte nicht genügend Zeit, sich um seine Verblüffung zu kümmern, denn schon hielt Tanpuk den Schlitten an und drückte ihm eine Flinte in die Hand. „Wir müssen ihn in die Zange nehmen. Ich fühle, daß er nicht weit entfernt ist und versucht unsere Gedanken wahrzunehmen. Du gehst rechts 500 Schritte und ich links. Dann rücken wir vorsichtig nach vorne vor und schießen von beiden Seiten auf mein Kommando. So geschah es dann auch. Sie waren beide in Position und sahen schemenhaft die Gestalt des Tieres. Es hob sich kaum vom Rest ab, so gut war es getarnt. Beide legten an und nachdem Tanpuk den Ruf der Polarhasen erschallen ließ, feuerten sie. Aber sie trafen nicht. Der Bär war nun gewarnt, aber er flüchtete nicht. Vielmehr lief er jetzt auf Tanpuk zu. Lars versuchte schnell zu seinem Retter zu kommen, um diesen vor dem Bär zu retten. Tanpuk schoß mehrfach in die Richtung des nahenden Eisbären, traf ihn auch, aber nicht tödlich. Dann schmiss sich der König des Nordpols auf den Schamanen und zerfleischte ihn. Noch während Lars auf ihn zulief, feuerte er alle seine Patronen auf den Bären ab und die letzte schließlich durchschlug den Kopf des Tieres, so daß es tot zusammenbrach. Lars war außer sich und schrie in die Weite des ewigen Eises seine Wut und Trauer. Er, der gerettet worden war, konnte seinen Retter nicht retten. Nachdem er lange genug die Fäuste gen Himmel gereckt hatte, wandte er sich seiner Aufgabe zu, denn er wußte, daß nun er derjenige war, der den Bären ins Dorf zurückbringen mußte. So holte er den Schlitten, zerlegte den Eisbären, verstaute alles, was er in seinem Magen fand zusammen mit dem Fleisch auf dem Schlitten und vertraute darauf, daß die treuen Hunde ihn zur Heimat von Tanpuk zurückführten. Und so geschah es auch. In einer feierlichen Zeremonie gedachte man Tanpuk, aß gemeinschaftlich das Gulasch, welches wirklich sehr gut geworden war und stellte den Glücksfetisch wieder an seinen angestammten Platz.

Lars Larssen beschloß im Dorf zu bleiben und dort sein Leben zu verbringen. Er heiratete eine wunderbar weiche Frau, die zu den besten Jägern gehörte, er bereitete das Fleisch zu, welches ihm seine Frau brachte und er wunderte sich bis zu seinem Tod darüber, warum ausgerechnet ein purpurner Mülleimer der Glücksfetisch des Dorfes war.