time passes 1

Dies ist kein Knalleffekt, keine Technik die Aufmerksamkeit zu erregen, zu binden, zu konzentrieren, Dich zu manipulieren über das unvermeindliche Maß hienaus, hinauß, hinaus, hinten raus, ich werde es nachschlagen und mich danach wundern. Die Müdigkeit schwappt von hinten gegen die Augen, es sind die Blauen, länglichen, die machen müde, sollen sie ja auch gewissermaßen, das Feuerwerk verhindern, im Zaum halten, sagt der symphatische Doktor K. Du gehst deines Weges, hast vielleicht andere Farben und Formen oder gar keine, wünscht man ja auch keinem, bist mir nie über die Füße getrampelt oder vielleicht doch und ich bin jetzt älter oder schon tot, komischer Gedanke, wo gerade jetzt alles zusammen kommt – Du, ich, das Geltungsbedürfnis, der Graf von Faber-Castell und wer weiß noch alles! Die Luft ist gerade feucht, es hat geregnet und wenn man lüftet wird die Bude feucht – ja, das ist eine Wortwiederholung, aber wollen es doch ehrlich angehen, du und ich und was noch kommen mag und wer. [time passes] Dann immer diese Momente, in denen man Technik erklärt, Pflegeanleitungen, damit der Akku lange hält – die Technik besitzt dich, dein Besitz besitzt dich und zwingt dir seine Regeln auf. Und wenn ich der Technik nicht mehr dienen kann, dann verliere ich meine Einkünfte, was durchaus der Fall werden könnte. Ohne in irgendwelche Bildschirme zu glotzen, gibt es heute wenig zu verdienen. Selbst die, die nicht in Bildschirme glotzen, müssen es heute tun. Aber daß es immer ein Happy End geben muß, ist genauso absurd wie die Sicht, daß das Leben sich lediglich um den Menschen dreht, Geschichte inklusive. Sich dem Internet zu verweigern ist fast schon ein selbstmörderisch-anarchistischer Akt, unerhört, tapps!, Flugmodus an, Sendeschluß! Für Letzteres mußt du wahrscheinlich dann doch wieder das Internet bemühen, sonst wird dir die Bedeutung nicht klar. Aber wenn du das hier liest, bist du vielleicht ohnehin so ein Wahrheitssucher, jemand, der sich durch den Unrat wühlt, um an die vermeintlichen Perlen zu gelangen, was aber auch nur eine Täuschung ist. Und falls jetzt das der Marketingabteilung eines Verlages ins Auge fällt – ja, auch ihr seid gemeint. Und schon offenbahrt, offenbart sich wieder das große, unterschwellige Bedürfnis nach Bedeutung, die alte Seuche, in unseren Zeiten durch Werbung und Konsum befeuert, geschürt, gelenkt. Fancy fashion boy? Modepüppi? Buch nach Einband gekauft? Aber mach dir nix drauß, ich bin nicht besser – als ob dieser Text jemals die Seiten der Kladde (der Website) verlassen und Gegenstand des Marktes werden würde – und wenn, wäre ich natürlich bauchgepinselt, spätestens wenn es Scheine dafür gäbe. Wenigstens ist das hier ein WYSIWYG, keine versteckten Fallen oder Stolperdrähte. Aber Wahrheit ist es eben auch nicht. Zur Zeit ist es für mich essen, verdauen, schreiben, schlafen und auch in anderer Reihenfolge, für die nächsten 10 Wochen, 60% von Achtzig Prozent, das wird hart, kaputtes Rückgrat, aber zum Glück nicht in der übertragenen Bedeutung. Schon wieder Bedeutung. [time passes]
Unfassbare Müdigkeit, muß acht geben, daß mir mein Kreislauf nicht ins Bodenlose fällt. Wahrscheinlich eiern da draußen Tausende herum, die keinerlei Beeinträchtigungen außer ihrer Fettleibigkeit oder quersitzenden Fürzen haben und die trotzdem den ganzen Tag jammern. Die Phasen, wo bei mir nicht irgendein Scheiß auftrat sind rar gewesen; Na und? Halt einfach die Klappe – andere haben es noch viel schwerer. Man darf nicht klagen (darf man nicht?), sollte nicht jammern, zum Schluß hat man ohnehin die Torte im Gesicht. Nix mit Leben nach dem Tod, Jungfrauen für alle, mit nem Met anstoßen bei den Vorfahren in Walhalla. Alles Tröstungsquatsch, selbst ansonsten kluge Leute klammern sich daran – Religion wird halt vererbt. Stopfe mir drei Kekse rein, der Zucker wirkt, dreht hoch, sitze im Luftstrom, Durchzug, schön kalt – auf den Ohren streichen Streicher – warum heißt das eigentlich Klassik? [time passes] Immer wieder anrennen und verlieren gegen die Vergänglichkeit, gegen den Verfall und den Niedergang, Schmodder, Schleim, Schimmel, Staub. Alle Objekte, der eigene Körper, Hoffnungen, Träume, Vorstellungen – davon wie das Leben zu laufen hat. Besonders schön, wenn das Portemonnaie leer ist wie das Konto – Handlungsspielraum erhalten, my ass! Das Vorrecht der Kinder: Unbeschwertheit. Aber auch nicht alle. [time passes] Draußen vorm Fenster bewegen sich die Eichhörnchen durch die Bäume, deren Blätter sich langsam verfärben. Irgendwo da draußen trifft sich Frau B. mit der baltischen Band (B, baltische Band, BBB), die sie auf irgendeinem Festival kennengelernt hat, getroffen hatte. Sie, die merkwürdige Frau, immer auf der Flucht vor sich selbst, Nebenjobs im Service, Zubrot, Kellnerin, Kontakte, Feiern. Was machen die jetzt? Lachen? Alkohol? Drogen? Sex? Oder einfach stockende Konversation in holprigem Englisch, hat man sich was zu sagen? Vielleicht reichen meine Phantasie und meine Erfahrungen im sozialen Miteinander nicht aus, mir eine adäquate Situation vorzustellen. Sind die Balten vielleicht einfach nur einsam? Oder zu höflich ein Treffen abzulehnen? Ich für meinen Teil treffe sie nur online und wir tauschen unsere Depressionsgeschichten aus oder sie zeigt mir Reisebilder, die weite Welt, ferne Strände, Meere, Dörfer an der Küste Portugals – dann schreibe ich Zurückgebliebender immer nur von meinen Kunstprojekten, schreiben, malen, phantasieren, was auch immer. Krücke, Kopfschmerz, Keppra. Wohin gehen eigentlich die toten Eichhörnchen, fallen die stumpf vom Baum? Bewege mich durch die Wohnung, schleiche, lehne an Türrahmen und schaue anderen bei der Arbeit zu. Darf noch nicht mal ein Staubtuch benutzen. Probiere die neuen Matratzen aus. [time passes] Sie sind wirklich hart, also genau wie gewünscht. Die Flugzeuge fliegen ab 6:00 über unser Haus hinweg. Ausnahme, weil die Start- und Landebahnen gereinigt werden müssen. Zuviel Abrieb von den dicken Reifen, Bremsspuren. Bin mal mit dem Dalai Lama nach Berlin geflogen. Er saß schon im Flugzeug, als wir Normalos einstiegen, erste Reihe, lächelte mich freundlich an, ich hatte die vorletzte Reihe und damals gab es noch richtig viele Goodies auf den innerdeutschen Flügen, Schokoriegel, Obst, Zeitungen, Getränke, alles für lau vor dem Flug. Schreiben ist Denken, nur das es auf einmal sichtbar wird. [time passes] Einkaufslisten, Flugzeuge, brumm brumm, das Dröhnen, Eichhörnchen.
Langweilst du dich schon? Bereust du deine Entscheidung? Die oberste Zensurbehörde wird gerade mit Fackeln und Mistgabeln belagert und mit ein bisschen Geduld kommen noch ein paar spektakuläre Details zum Vorschein oder ich erfinde einfach ein paar. In einer Stunde sind die blauen, länglichen Pillen wieder an der Reihe. In der Klinik hat mir die Krankenschwester die Braunnüle aus der linken Hand gezogen, eine Mullkompresse draufgeklebt und sich dann dem rechten Arm zugewandt. Dort gabs auch eine Braunnüle, Kunststoffnadeln, die man dann so ein paar Tage im Arm hat. Blut überall auf der linken Seite, trieft triefend, das Bettzeug voll, alles über mein Buch, Der Name der Rose, kopfüber im Schweineblutbottich. Habe schon wirklich lange keine Blutwurst mehr gegessen. Himmel un Ääd. Könnte jetzt verraten, daß die Schwester mir als Entschuldigung für die Blutsauerrei an die Nudel gefasst hat und so ein bisschen rumgewichst, aber hat nicht geklappt wegen der vielen Medikamente, da habe ich mich dann entschuldigt und wir mussten beide ein wenig lachen, denn mein 92-jähriger Zimmernachbar hat von nichts was mitgekriegt. Ein eigentlich noch sehr patenter und lebendiger Kerl, mußte auch die Blauen, länglichen nehmen. Sagt, er sei mal Bauarbeiter gewesen, dann ist er zur Justiz gegangen. [time passes]
Hypoglykämie, hypoglykämischer Index, Ernährung, Vollkorn (wenn es denn sein muss), fight or flight, muß mich aber trotzdem gerade halten, der Tisch ist niedrig, die Blauen, länglichen machen mich wieder hundemüde, aber ich muß schreiben, wenigstens ein bisschen. Das Internet macht uns alle nur kirre, du, ich, wir sind gar nicht für solche Informationssturmfluten ausgelegt – früher war alles besser. Die ersten Digitaluhren, Batterien ruck-zuck leer, Zeit flammt kurz rot auf, super-winzig, Bribery, ein Geschenk des lokalen Mini-Mafiosis an meinen Vater, der dafür bestimmt öfters mal das ein oder andere Auge zugedrückt hat. Einladungen zu Parties auf denen zu Boney M getanzt wurde, Ringelrein an der Stahlkette, neun Fläschchen Cola, Liz; der Typ selber wäre wohl gerne ein Jean-Paul Belmondo gewesen. Und auf einmal waren die Erwachsenen weg, ich sie irgendwann suchen und finde nur einen Flur in der oberen Etage, langer Flur, weiß mit roten Tupfen an den Wänden und denke, frage mich a.) darf ich irgendwo reingehen und nach den Eltern suchen und b.) warum rote Tupfen? Dann kommt ein großer Hund, geht mir zur Brust, aber freundlich, wedelt immer mit seinem Schwanz, hin und her, das Ende seines Schwanzes blutig gebissen tupft rote Farbe auf die weißen Wände. Späte Siebziger. Da gab es Parties, bei denen die Ehefrauen Autoschlüssel aus Schüsseln zogen, um dann mit dem jeweiligen Autobesitzer, natürlich männlich, nach Hause zu fahren und zu bumsen, zu ficken, zu blasen, zu lecken, geleckt zu werden und zu spritzen und bespritzt zu werden – sexuelle Toleranz nannte man das. Ich habe damals nur neun Fläschchen Cola getrunken. Das war auch schon was.
Jean-Paul Belmondo Kleinganove handelte mit Autoteilen, hatte einen riesigen Schrottplatz und auf dem liefen Hunde rum, Maschendrahtzaun, Stacheldrahtgarnitur, die Hunde bellend, zähnefletschend und wenn man sich dem Zaun näherte und zu lange davor stehen blieb, dann brüllte er von seinem Wachturm-Büro hinunter „Hau ab oder ich breche dir den Arm!“. Natürlich nicht zu mir, aber zu anderen. Angstfrei zu sein ist schön. Die Blauen, länglichen! Sie würden dich auch angstfrei machen, Chemie in meiner Birne, deiner Birne, keine Angst vor großen Hunden oder elektrischen Stürmen im Gehirn.

Prince ist tot

Der Blutzucker ist reguliert, Bratensaft und Grünzeug, aber vor allem Reisehydrate. Nur weil noch genug für alle da ist, gehen wir uns nicht an die Gurgel, erkennen nicht den Niedergang. Warten auf den Knall, keiner bewegt sich, es könnte ja falsch sein. Nehmen Sie bitte JETZT ihre Drogen – machst Du schon? Sehr schön. Durch meine Adern fließt nur Wasser, klar und rein, noch bomben keine Bomber die Wasserwerke weg, nicht hier, woanders lediglich, kann ich aber nicht sehen, hören, spüren, also ist es nicht so schlimm, im Supermarkt vermisst mich der Metzgermeister. Immer wieder nachlesen. Klingt es gut? Nickst du mit dem Kopf? Ab wann beginnt Verantwortung? Muß man Politiker sein oder 120k Pfund Sterling verdienen? Taugen die Heiligen als Vorbild, auch wenn man nicht gläubig ist? Franziskus? Entsagung muß ich entsagen.
Die letzte Zeit nur Barock, Klavierkonzerte und Bach – Prince darf jetzt mal ran. Erste Partyerfahrung, Vollhorst, expressives Rumgetanze, dabei wollten alle nur Duran Duran hören. Jugendheim-Assis. Die Hände unterm Pulli, zwei Finger im Mädchen und ich konnte nur durch meine Schauspielkunst begeistern. Wo sind diese Leute alle gelandet? Gohonzon, Tina Turner, name dropping buddhism, aber ich war dabei, alles ist Rückschau, Erinnerung. Hatte ich das nicht schon mal irgendwo erwähnt? Renne rum wie Yoda, dafür kann ich den Moonwalk. Liege im Bett und depressiere vor mich herum, dabei scheint doch die Sonne, oder? Kiss mag ich nicht mehr hören, habe ich jetzt mal geskipped. Vielleicht verkennen wir auch die Situation und es wird sich alles richten. Scharf. [time passes] Geänderte Situation, geräderte Situation – mein Patronus ist der Habicht – könnte ich doch nur darin aufgehen und untergehen, vergehen – wie in den alten Zeiten; dafür jetzt in der Lage sofort einen Kredit aufzunehmen. Schlechter Tausch. Langsam dreht sich der Planet um sich selbst, so daß es wieder dunkler wird. Immernoch geht die Sonne unter, sagen sie, überall. Darf ich eigentlich so sitzen? Mehr wissen. Morgen früh, aber Pausenbrote einpacken. Müdigkeit als Hauptcharakterzug. Wie sehr wir uns abstrampeln und bemühen, nur damit wir in die dritte Klasse einsteigen dürfen, auf den Obstkisten neben den Hühnern sitzen und auf den Schaffner warten. Es gibt diese verrückten Geschichten. Man sagt, es gäbe Menschen, die immer Erste Klasse nutzen. Die kennen es gar nicht anders, Bedienung am Platz, heiße Tücher und einen Champagner. Doch ich habe sie gesehen, mit eigenen Augen – die sitzen da auf dem Dach, ab und an purzelt einer runter, sie klammern sich aneinander und den Zug, vielleicht sind sie richtige Menschen, aber ich bin mir nicht sicher. Fakt ist, daß sie immer öfter auftauchen. Die Kirchen rufen aber zur Solidarität auf. Was rufen denn die Synagogen und Moscheen? Sie sollten alle die Klappe halten, Hirnvergifter. Manchmal muß man aber auch einmal nett zu sich selbst, Fünfe gerade und Gott einen guten Mann. Bald kommt wieder Leben in die Bude – nur richtige Halbgevierte kann mein Textprogramm nicht abbilden – dann bin ich nicht mehr einsam. Jetzt bist du an der Reihe, Maske abnehmen, Visier hochklappen, offenen Auges, erhobenen Hauptes – und sich dann aber nicht beschweren, weil beschwerlich und ohne Bedeutung. Lass es mich einfach wissen, zeig mir deins, ich werde meinen Finger in deine Wundmale legen, obwohl ich nicht Thomas heiße. Und nachbohren.
Fragen
Fragen
Danach stoßen wir mit einem Kamillentee an und die Handinnenflächen werden gewärmt, es entsteht Vertrautheit und dann wachen wir auf.

time passes

Es ist schon wieder Blut an meinen Fingern, weil ich mich aufgekratzt, ich bin so aufgekratzt, eher nein, das Gegenteil davon, sediert, aber nicht ruhig, suchend, verzweifelt, weil es zur Zeit keinen Rückzugsort von meinem Rückzugsort gibt. Wenigstens ist das Radio nun menschenleer, nur Stimmung, Welle auf Welle, Frequenzmodulation, die arme Amplitudenmodulation stirbt aus, aber es ist alles eine Lüge, weil schon lange Internetradio. Der Raum leuchtet und versucht mich unsittlich mit seinen Photonen zu berühren. Dreiunddreißig Grad Celsius. Die Menschen frohlocken und sollen sich aus ihren Mittagspausen in die Wärme begeben, aber wozu? Vitamin D, damit man nicht depressiv wird, oder? Durch meinen Körper fließt die Zeit, damit sie sich über die Tastatur auf den Bildschirm ausbreiten kann. Oben rein, an den Fingern raus. Alle anderen Konzepte sind nicht erreichbar, kein Anschluss unter dieser Nummer, the number you have dialed is temporaryly not available. Triebabfuhr, Schlaf, Benutzung von Menschen, Nahrungsaufnahme. Menschlicher Abfall gammelt leise vor sich hin, in einigen Fällen sogar einsam, was ich zum Glück nicht bin. Der Mensch muss tanzen und wenn er nicht tanzen kann, dann ist er nichts wert, dann ist sein Leben ein Falsches und die Quittung ist permanentes Auf-die-Füße-getreten-werden oder, wenn man Pech und zuviel Geld hat, Ruhe. Die anderen müssen dafür auf den Tod warten. Jetzt schmerzt der Rücken, die Sonne sorgt für Reflexe auf dem Bildschirm, das Bild eines häßlichen, mittelalten, männlichen Menschen mit Brille; kann mich damit gar nicht so recht identifizieren, vor allem nicht mit der Sehschwäche. Der Endlos-Loop des Lebens, graue Haare, wer will mich zwingen? In den alten Textadventures gab es ein Kommando, das ‚wait‘ hieß. Die Antwort war immer [time passes].

[time passes]

[time passes]


Liegen nur Sekunden dazwischen oder doch Jahre? Ich will dich nicht belehren, geneigter Leser, oder dir verklausuliert und verpackt in einer schönen, spannenden Geschichte meine Meinung darlegen. Hier gibt es nichts zu sehen. Gehen sie weiter. Immer noch da? Na, dann eben die harte Methode:

[time passes]

Und irgendwann, so hoffe ich, wenn du nur lange genug am Ball geblieben bist, dann wirst du mir weinend deine Zuneigung gestehen und dann werde ich auch weinen und dir die Hand halten, weil nichts anderes zu tun ist.
Der erste Schritt, auf dem Wege der vielleicht möglichen, aber dann doch nicht eintretenden Verbesserung des Gesamtzustandes ist, sich die Realität des Problemes einzugestehen. Dazu mußt du dir jetzt eine Aufzählung der schrecklichen Dinge vorstellen, die sich Menschen entweder gegenseitig antun oder ihrem Habitat. Ich nehme jetzt einfach mal dafür eine Variable und nenne sie $KroneDerSchoepfung. Diese Liste erweitert sich dynamisch, wird von vielen verschiedenen Quellen gespeist und geht niemals gegen Null. Wir alle sorgen dafür, daß sie sich nicht leert.
Tschuldigung, jetzt habe ich doch wieder sowas jammervolles geschrieben. Soll nicht wieder vorkommen.
Wäre es eigentlich schlechter oder besser, wenn es jetzt regnen würde? Es gibt Menschen, die ihre Verfassung auf das Wetter schieben. „Mir geht es nur gut, wenn die Sonne scheint und es schön warm ist.“ Wie sehr ich manche Menschen dann doch beneide. Die Mitmenschen kommen müde von der Erwerbstätigkeit nach Hause, die meistens darin besteht, andere Mitmenschen zum Kauf möglichst vieler oder teurer Produkte oder Dienstleistungen zu bewegen. Direkt oder Indirekt. Auch der Soldat stirbt für den ungehinderten Konsum heutzutage. Die Transformation des Planeten in ein Objekt der Märkte.
Ich habe vergessen, was ich nachsehen wollte. Emails checken? Bestimmt nur wieder irgendwie ablenken. Auf dem Nutellaglas, über dem QR-Code steht: „Erlebe täglich Neues!“. In Nutella ist auch Palmöl. Meine Gedanken schweifen zu Monetarisierungsmöglichkeiten ab. Menschen könnten live zusehen, wie ich schreibe, per Periscope app streame ich meine Literatur in die große, weite Welt und werde berühmt. Wie verdreht ich doch bin. Dabei sind Prince, David Bowie, Umberto Eco und Roger Willemsen tot und das sollte doch eine abschreckende Statistik zum Thema Berühmtsein darstellen, oder? Oder? Nein, ich werde auch keine ordnenden Jahresangaben oder Zeitstempel einfügen. Alles was der Illusion der Ordnung Vorschub leistet, ist verboten. What you see, is what you get. Dogmatisch? Dog? Na, und? Ist doch mein verhuschtes Dasein! Trotzreaktion, kindliche, verdammte! Geh‘ doch mal lieber raus und erleb‘ mal das richtige Leben! Nicht immer nur rumjammern und dann am Ende des Tages alles in die Cloud speichern, nichts anderen Menschen zeigen und fünf Gin Tonic saufen! Überhaupt dieses Gejammere. Scheinbar werde ich jetzt auch noch wunderlich.
Am Ende lebt man dann doch länger, als man es immer gedacht hat. Gerade fällt mir auf, daß der Editor, mit dem ich schreibe, nicht wirklich konsistent im Umgang mit Markdown ist. Außerdem brauche ich kein Markdown. Aber ich brauche jetzt auch kein Rumgefummele mit tausend Editor-Alternativen. Einfach runterschreiben tut not. Runterleben. Im Runterleben aufleben. Jack Kerouac hat auf einer Rolle Papier geschrieben. Damals gab es keine Computer und wie wäre er wohl jetzt entzückt gewesen zu sehen, daß es eine wahrhaft endlose Projektionsfläche für Text gibt.

Probelauf

Es ist nicht so, als wäre ich abgebrüht, daß mich nichts mehr erschrecken könnte oder daß ich keine Angst mehr entwickelte. Aber neben dem Schrecken und dem Damoklesschwert des Daseins gibt es jetzt auch andere Gefühle. Dankbarkeit. Demut. Klar, das liest sich ziemlich abgeschmackt, doch sind diese Wörter wahrscheinlich die Richtigen. Für jemanden, der alles hat, inklusive der Schwierigkeit, diese Gaben in einem Universum ohne Bezugspunkte auf einen Zeitstrahl mit Ortsangaben und Wertung zu packen, der Sinnlosigkeit des Sinnbegriffes wie ein Petrus zu begegnen und dem Ich trotz Schmerzwahrnehmung einen adäquaten Platz zuzuweisen, geschehen mir hilfreiche Missgeschicke; Probeläufe zum eigenen Ableben nämlich. Innerhalb der letzten 18 Jahre hatte ich vier Generalproben zu meinem Tod, praktische Interventionen, die mir relativ gefahrlos und mit wenig Kollateralschäden aufzeigten, wie es sein wird, unsere künstliche Beziehungsmatrix, das System der Existenzhyperventilation zu verlassen.
Viele haben dieses Glück nicht. Sie sterben nur einmal und wenn es soweit ist, ist es soweit und es gibt keine Möglichkeit der Manöverkritik und der kritischen Rückschau. Die eine geht im Krankenhaus aufs Klo und beim Stuhlgang platzt das Gefäß im Hirn und aus. Der andere sagt noch „Schatz, mir ist nicht wohl.“ und bricht dann zusammen ohne wieder die Illusion des Bewusstseins zu erlangen. Andere siechen langsam dahin, ohne die Aussicht auf ein krebsfernes leidbefreites Leben jenseits der pharmakologischen Segnungen. Vielleicht sind sie weise geworden, können jedoch nicht mehr davon profitieren. Doch mir ist es vergönnt, Zeugnis vor mir selber ablegen zu können, das öffentliche Zwiegespräch zu halten und mich in den Arm zu kneifen, damit ich mir meiner Raumzeitkoordinaten bewusst werde.
Wir verwenden viel Energie darauf, uns einen Platz in unserer Gesellschaft zu erarbeiten, es gibt aufwendige Konstrukte, mal mehr, mal weniger sinnvoll, die für uns Maßstäbe schnitzen, damit wir irgendwann beschließen können gescheitert zu sein oder oben angekommen. Dazuzugehören oder vor der Türe stehen und durch das Fenster die Party betrachten. Die Sehnsucht nach Bestätigung kann ein Generationsraumschiff für die aufwendigste und risikoreichste Mission sein, auf die uns niemand je geschickt hat. Und trotz der guten Absicht, als Warnhinweis dienen zu wollen, folgen auch diese Worte dem gleichen Muster – also seien sie vorsichtig! In diesem Moment scheint die Sonne auf die Blätter des Baumes draußen vorm Fenster. Mehr muß man nicht wissen.