Meine Depression

Alles ist fremd, überall nur schlecht gelaunte Animateure, das Buffet kommt aus der Dose und ist nicht besonders reichhaltig und der Alkohol billig. Er macht aber was er soll. Nebenan die Fabrik, die im Reiseprospekt nicht zu sehen war. Den ganzen Tag über Arbeiter in der Anlage, die extrem laut irgendwelche Badewannen installieren und Fenster rausschlagen. Im Pool schwimmt Kot. Und keiner der anderen Gäste nimmt davon Notiz, sie machen unbeirrt mit ihrem Urlaub weiter, sehen dabei aber auch nicht glücklich aus. In Zeitlupe stürzt dann ein Verkehrsflugzeug ab, es zieht sich über den ganzen Tag hin, schließlich durchschlägt es mehrere Apartmenthäuser, umherfliegende Wrackteile erschlagen minderjährige Minigolf-Spieler, die Flügel brechen ab und das Kerosin legt sich brennend auf das zu stark gechlorte Poolwasser, überall Leichenteile, Blut und Rauch. Mitten im Chaos eine Polonäse von angeheiterten Clubreisenden, in der Nähe einer der schmelzenden Notfallrutschen sehe ich eine Gruppe nordic-walkender Senioren, von irgendwoher erschallt der Ententanz. Dabei hatte ich doch eine Städtereise gebucht.

Eisiges Schweigen

Es ist der Endpunkt, der nie erreicht werden wollte. Es ist der menschenleere Platz im strömenden Regen, das Rendevouz an der Siegessäule, längst abgesagt, aber die Mitteilung ungelesen, der Chatserver überlastet, wo ist der Regenschirm? Alle Papierschiffchen, die mit den guten Wünschen drauf, alle schon in den Siebzigern den Bach runter; der schlimme Bach, in dem die Kinder ertranken. Eigentlich wolltest du nicht drüber reden, jeder der damit zu tun hatte, würde dir Recht geben, sagtest du, aber dann doch. Mitteilungen aus einer anderen Welt, der gemeine Südseeinsulaner im Baströckchen, Gekichere über den Chinesen, der eigentlich aus Vietnam kam. Zusammenhänge mit Schaubildern erklärt, welchen die Sonne die Farbe nahm; nun sind es Reiche aus Pastell, zu oft ausgerollt vom Kartendienst, jeder ist mal dran. Doch verehrte Menschen vergessen dich und nicken nur noch höflich, sie erkennen dich nicht, gehen an dir vorbei. All dem steht er nun gegenüber, es bleiben nur Flecken auf dem Liebligs-T-Shirt und man zeigt drauf, später, und meint „Erdbereis!“; einzig in deinem Herz leuchtet für einen kurzen Moment die Erinnerung auf.

Der Vergesser

Nach dem Aufstehen ging er in die Küche und machte sich sein Frühstück. Kaffee und Toast mit Butter und Marmelade. Dann setzte er sich an den kleinen Tisch am Fenster und beobachtete die Wolken beim Vorrüberziehen, die Menschen ein paar Stockwerke weiter unten, die schnellen Schrittes zu ihren Zielen eilten oder er schaute hoch zu den Vögeln, wenn sie zum oder vom Baum gegenüber flogen. Sehr kleine Vögel mit unglaublich dürren Beinen, noch dünner als Zahnstocher. Irgendwann nach der Dusche, dem Zähneputzen und dem Ankleiden, wurde es Zeit zur Arbeit zu gehen. Da er nicht vermögend war, mußte er arbeiten. Seine Eltern waren weder arm noch reich, er war weder arm noch reich und seine Kinder wären ebenfalls weder arm noch reich, würde es sie geben. Es gab jedoch keinerlei Veranlassung dazu. Seine berufliche Tätigkeit ernährte ihn und er machte nichts, was ihm unmoralisch vorgekommen wäre; also nichts mit Waffen, Politik oder Werbung. Er genoß seine Mittagspause alleine, war freundlich und hilfsbereit und er verabscheute seine Mitmenschen. Still fuhr er abends in der S-Bahn nach Hause, schaute aus dem Fenster und dachte an nichts. Daheim angekommen, schloß er sich in die Wohnung ein, machte es sich bequem, aß eine Kleinigkeit und ging schließlich wieder zu Bett, in welchem er noch ein paar Zeilen aus einem Buch oder einem Artikel las. Noch einen Schluck Wasser, dann schlief er ein. Meistens träumte er dann nichts oder er konnte sich nicht erinnern und wenn er etwas träumte, dann erinnerte er sich, daß es absolut nichts zu bedeuten hatte.
Tagsüber hatte er oftmals ein Gefühl, daß ihm den Eindruck vermittelte, daß es nicht ausreichend ist, sein Leben einfach nur so in Empfang zu nehmen und runterzuleben. Da war dieser Drang etwas zu schaffen, sich zu äußern, Dingen seinen Stempel aufzudrücken, also sich einer Tätigkeit zu widmen, die man als kreativ bezeichnen könnte und das obwohl er keinerlei Beziehung zu diesem Tun hatte. Seine Eltern waren weder Musiker, noch Schauspieler, in seinem Umfeld gab es keine Autoren oder Maler. Da gab es nur die dummen Arbeitskollegen, mit denen man sich, Gott sei Dank, nur fachlich auseinandersetzen mußte und die Vögel im Baum gegenüber. Er wußte, daß nichts aus seinem Leben überlieferungswürdig war oder das es keinen Mangel an ausgedachten Geschichten gab, aber er begann, Texte aufzuschreiben. Streng betrachtet war es nur ein Anfüllen der Zeit mit einer sinnlosen Tätigkeit. Es war nicht dazu bestimmt von anderen gelesen zu werden. Und selbst wenn es ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes lesen würde, nachdem man die mumifizierte Leiche des Autors drei Jahre nach seinem Ableben gefunden hätte, wären die Inhalte belanglos und deren Trägermedien direkt in einen blauen Plastikmüllsack gewandert. Alles war nur einer Illusion geschuldet, die er von seinem Wesen als Person hatte, von seiner Vorstellung, daß genau diese Ausprägung von Atomen, die seinen Namen hatte und die ab und an Post vom Finanzamt bekam, irgendwie deutlich machen müßte, daß sie irgendwann einmal existierte und Post vom Finanzamt bekam. Nicht aus dem Bedürfnis heraus berühmt zu werden oder gar Geld damit zu verdienen, sondern lediglich, um für einen kurzen Moment die Leere zu vergessen. Dennoch: Die Buchstaben, Leerzeichen und Satzzeichen versuchten eine Ordnung zu erzeugen. Ihre Präsenz auf dem Papier sagten aus, daß es ein Oben und ein Unten gäbe, ein Schwarz und ein Weiß, einen definierten Raum und das man sich darin bewegen könnte, als wäre es ein vertrauter Ort. Manchmal sprach er die Texte laut, die Rezitation ließ Dinge und ihre Beziehung zueinander entstehen und von Zeit zu Zeit hielt er inne und wunderte sich ob der Schönheit, die entstanden war, einfach so, nahezu ohne sein Zutun. Aber wie alle Schönheit, war auch diese nur ein Trugbild, eine Sinnestäuschung; sobald die Worte verklungen, aufgebraucht waren, verschwand sie. Manchmal machte er dann das Fenster auf, ließ die kalte, reale Luft seiner Heimat hinein, faltete aus seinem Text einen Papierflieger und ließ ihn zusammen mit den kleinen Vögeln fliegen, unter ihm die geschäftigen Passanten.