Podophilie

„Und deshalb müssen wir uns von Ihnen mit sofortiger Wirkung trennen.“, sagte der Mann mit dem weißen Hemd und mit der schönen, fein gemusterten Krawatte, die bestimmt sehr teuer gewesen war. „Aber sie wissen doch, daß das nur mit meiner Krankheit zusammenhängt.“, versuchte er zu erklären, aber der sorgsam gekleidete Mensch gegenüber machte nur eine abwehrende Handbewegung. „Herr Müller, es geht einfach nicht, daß sie unten ohne bei unseren Kunden oder Geschäftspartnern auftauchen. Das entspricht nicht unseren Firmenrichtlinien. Wir haben in der Vergangenheit mit ihnen Gespräche geführt, wir haben ihnen erläutert, welche Konsequenzen ihr Verhalten haben wird und nun treten eben diese Konsequenzen ein. Die Geschäftsleitung stellt sie frei, bis sie eine neue Tätigkeit gefunden haben. Wir gehen davon aus, daß das nicht länger als 3 Monate dauern wird. Guten Tag.“ und wies mit dem Finger auf die Türe, während er sich schon wieder einem Dokument auf dem Schreibtisch widmete. Herr Müller wurde vom Sicherheitsdienst in Empfang genommen und durfte noch seinen Schreibtisch ausräumen. Er hatte noch nicht einmal Zeit sich von seinen Kollegen zu verabschieden; nicht das er darauf sonderlich erpicht gewesen wäre, aber diese Behandlung kam ihm jetzt auch ein wenig herzlos vor. Immerhin hatte er nicht in die Kasse gegriffen oder den Chef verprügelt, wobei letzteres sicher jetzt ein klein wenig über seine miese Stimmung hinweggeholfen hätte. Das Taxi, das die Firma freundlicherweise bestellt und bezahlt hat, wartete schon draußen auf ihn. „Wohin soll es gehen?“, fragte der Fahrer, der nach seiner Kopfbedeckung zu urteilen Sikh war. Der frisch Ausgestoßene nannte seine Adresse und verfrachtete die Habseligkeiten neben sich auf die Rückbank. Sechs Jahre waren mit einem Streich beendet und davon vollkommen unbeeindruckt fuhr der Kutscher los.

Am nächsten Morgen begann Herr Müller direkt mit der Suche nach einer neuen Stelle. Er schrieb Bewerbungen, durchsuchte gezielt die Anzeigen in der Zeitung und aktivierte seine Job-Bots, kurz, er war voller Tatendrang und Zuversicht. Gegen Mittag gönnte er sich eine kurze Pause und ging zu dem thailändischen Imbiss, der diese leckere, scharfe Kokosmilchsuppe anbot. Sie lag in direkter Nachbarschaft und ein kleiner Spaziergang würde ihm gut tun. Wie schon in den vergangenen Jahren ignorierte er die mehr oder minder stierenden Blicke, die auf seine unteren Extremitäten zielten. Er war die Irritation bei Fremden gewohnt und die Menschen aus seinem Viertel, die ihn kannten, machten sich schon lange nichts mehr daraus. Endlich am Imbiss angekommen, stellte er sich brav in die Schlange, die der Beliebtheit und dem köstlichen Essen geschuldet war und fing an in seinem Smartphone zu lesen, bis ihn eine schrille Stimme und die Spitze eines Regenschirmes wieder in die Realität zurückholten. „Junger Mann! Sind sie unverschuldet in Not geraten? Dann gebe ich ihnen Geld für ein Essen hier. Aber wenn sie ein Säufer sind, dann…“ „Wieso in Not geraten?“, unterbrach er die Dame, die mit Sicherheit schon Mitte achtzig war und ihn irritiert von oben bis unten ansah, während sie mit ihrem Regenschirm an seine Waden tippste. „Na, sie sind mir ja einer – sie können sich ja noch nicht mal Schuhe leisten!“, dachte die Oma laut. „Hell Müllel immel balfuß, gut fül de Kopf!“, gab der Inhaber über den Tresen zu verstehen und die Oma schaute noch irritierter. In Anbetracht der bevorstehenden wohlschmeckenden Suppe und seiner guten Laune, hob Herr Müller an und erklärte sich: „Nein, ich könnte mir schon Schuhe leisten, aber wenn ich barfuß gehe, dann verschwinden meine Kopfschmerzen. Sie müssen wissen, ich hatte nach einem Unfall sehr, sehr starke chronische Kopfschmerzen und dann habe ich zufälligerweise herausgefunden, daß sie verschwinden, wenn ich barfuß laufe. Am besten über Waschbetonplatten, aber die gibt es ja mittlerweile nicht mehr so oft.“ Nach einer Weile äußerte sich die ehemalige Flakhelferin: „Das finde ich gut, wir haben damals auch nicht wegen jeder Kleinigkeit Tabletten genommen. Außerdem härtet das ab.“, sprachs und nahm ihre Bratnudeln entgegen.

Doch die Zeit verging schnell und Herr Müller, der mit Vornamen Jochen hieß, war nicht mehr voller Tatendrang und gut gelaunt auch nicht mehr. Es stapelten sich die Absagen in seinem Emailpostfach und bei allen Vorstellungsgesprächen, zu denen er eingeladen worden war, kamen die Personaler sofort auf seine nackten Füße zu sprechen, die zwar pedikürt und wohlduftend waren, aber eben nicht in Socken und Schuhen steckten und so unmittelbar und sofort zu einem Ausschlußkriterium wurden. Die Zeit wurde knapp und die Rechnungen wollten bezahlt werden und ab und an eine Suppe beim Thailänder wäre doch auch schön, für Herrn Müller und den Thailänder. Also suchte Jochen nun auch schon jenseits seines gelernten Berufes, auch in den Printausgaben der Zeitungen, den kostenlosen, werbefinanzierten Anzeigenblättchen und den schwarzen Brettern der Supermärkte. Doch auch dort wollte man keine Küchenhilfe oder Reinigungskraft ohne Fußbekleidung. Selbst als Kollege des turbantragenden Sikh wollte man ihn nicht haben und verwies auf Sicherheitsbestimmungen im Personenbeförderungsgewerbe. Vielleicht hätte er behaupten sollen, daß seine Schuhlosigkeit seiner Religion geschuldet waren und er folglich nicht diskriminiert werden dürfe. Aber auf diesen Gedanken kam der ehrliche Jochen nicht.

Dann, eines Abends, entdeckte er eine Kleinanzeige, die folgendermaßen formuliert war: Auf der Suche nach einem geregelten Einkommen? Haben sie große und gepflegte Füße? Dann melden sie sich in der Kellermannstr. 46, im Souterrain, ab 20 Uhr. Leichte Arbeit und nette Kollegen. Jochen war schon zu frustriert, um noch irgendetwas wirklich Gutes zu erwarten und machte sich eher widerwillig auf den Weg. Die Kellermannstraße lag in der Vergnügungsmeile der Stadt, Clubs, Kneipen und rotbeleuchtete Fenster, Betrunkene, Jungesellen- und Gesellinenabschiede, torkelnde Touristen, kurzum, genau die Art von Unterhaltung, die Herr Müller am wenigsten leiden konnte und von daher hat er schon immer einen großen Bogen um den Stadtteil gemacht. Zu seiner Überraschung war die Hausnummer 46 von außen eher unscheinbar und die Türe am Ende der kleinen Treppe wäre leicht zu übersehen gewesen.

Er wurde von einer rundlichen Dame mittleren Alters empfangen, die aufsehen musste, um mit ihm zu reden. „Ich sehe, sie haben selber eine Vorliebe für nackte Füße.“ und deutete hinab. „Das ist rein medizinisch.“, murmelte Herr Müller, während er durch Analyse der Gesprächspartnerin und der Einrichtung nähere Hinweise auf den Job zu bekommen versuchte. „Ich sage es frei heraus: die Damen, die hierhin kommen, werden durch nackte Füße sexuell stimuliert. Und meistens ausschließlich durch Füße. Wir offerieren ‚Fußzeit‘ und suchen dafür Menschen, die gegen Geld zeitweise ihre Füße zur Verfügung stellen.“ „Eine Fuß-Hure!“, platzte es aus Jochen Müller heraus und er bat sofort um Entschuldigung. „Kein Problem, es klingt anfangs ein wenig merkwürdig, aber das legt sich. Ich zeige ihnen mal ihren potentiellen Arbeitsplatz und wie alles funktioniert und dann können sie sich entscheiden. Geile Füße habe sie auf jeden Fall.“ Herr Müller errötete ein bißchen und trottete hinter der kleinen Frau hinterher, die Räumlichkeiten waren nicht allzu groß, aber alles war dezent und geschmackvoll eingerichtet. Kein Rotlicht und keine Fototapeten mit kitschigen Stränden oder Spiegel an der Decke. Es gab vier Zimmer und in jedem Zimmer standen sich zwei Sessel gegenüber in der Mitte ein Fußbänkchen. Hinter einem Paravent ein Handwaschbecken und diverse Cremes und Öle. Das wars. „Sie treffen sich mit den Damen in dem Zimmer und tragen dabei eine Maske. Sie müssen nichts sagen oder von sich preisgeben, wenn sie nicht möchten“.

Alles ging mit größter Diskretion von statten, Jochen hieß nicht mehr Jochen und während seiner Sitzungen sagte er nie ein Wort. Das Geld war zwar nicht üppig, aber es kam regelmäßig und Pia, die Betreiberin des Fußfreundinnen-Clubs, war eine korrekte und warmherzige Arbeitgeberin. Ab und an steckten einige Kundinnen ihm nach einer Sitzung noch einen Schein zu, gewissermaßen ein Trinkgeld und nach einer Weile kam ihm nichts an seiner Tätigkeit mehr merkwürdig oder anrüchig vor. Im Gegenteil, er wunderte sich, daß die Frauen ihrer Neigung im Verborgenen nachgehen mussten. Aber aufgrund der Kleidung und Ausdrucksweise der Kundinnen hatten sie scheinbar auch was zu verlieren. Eines Tages hatte er eine Sitzung mit einer Stammkundin und nach dem Vorspiel, das aus ein bisschen Lecken und Saugen bestand, wobei er sich sehr zusammennehmen musste um nicht zu lachen, holte sie aus einer Tasche ein paar Lederschuhe und Seidenstrümpfe hervor und begann sie ihm anzuziehen. Jochen Müller wußte nicht so recht, ob er intervenieren sollte, seinen speziellen Fall erläutern, aber er hätte mit Sicherheit die erotische Atmosphäre zerstört und das wollte er der schwer atmenden Frau nicht antun. Also ließ er es geschehen und so kam es, dass er nach der vereinbarten Zeit, nachdem die Kundin ihm einen Schein in einem Kuvert hinterließ und gegangen war, im Sessel saß und italienische Maßschuhe (sie mußte beim Lecken Maß genommen haben) und spanische Seidenstrümpfe an seinen Füßen trug. Vorsichtig stand er auf und ging ein paar Schritte durch den Raum und – nichts. Keine Kopfschmerzen. Er ging schneller und hüpfte ein wenig auf der Stelle, ging in die Knie und auf die Zehenspitzen, aber das alte, schädelsprengende Gefühl blieb aus. Er beendete seine Schicht und ging nun das erste Mal seit Jahren mit Schuhwerk die Straßen bis zur U-Bahn Haltestelle, lief auf dem Bahnsteig auf und ab, stand in der Bahn auf den Fersen und ahmte bis zu seiner Haustüre John Cleese und the ministry of silly walking nach.

Einen Monat später hatte er wieder einen Job in seinem alten Beruf und er verkaufte wieder Versicherungen.

End of days

Es war schon ‚End of days‘, aber keiner ist hingegangen, jetzt ist ‚End of days Sale‘ und nur gelangweilte Schnäppchenjäger wühlen in den Resten; aber bald schon wird der Laden schließen und alle werden sich wundern und klagen – aber dann ist es zu spät. Die Apokalypse lief bereits, als wir noch ‚The walking dead‘ auf Netflix gesehen haben und nach neuen Folgen verlangten.

Be a Pro!

Definition von Professionalität: Handeln mit dem Wissen um die Konsequenzen.

Es bleibt nichts übrig – alle Motivationen und „Werte“ lassen sich erklären und zurückverfolgen. Wenn man ein gutes Gedächtnis hat, dann sieht man auch noch die Person, die Situation oder das Medium, welches einen konditioniert hat. Es gibt Zeitgenossen, die glauben, diese Prägungen hätten eine Bedeutung an sich und man sollte sie „anerkennen“, sprich daran glauben, daß sie ehern und unumstößlich sind, daß sie deinen Charakter ausmachen – dein Leben begründen.

Dabei ist die umgekehrte Herangehensweise die Richtige; alle Illusionen abstreifen und die wahre Rohmasse der Existzenz erblicken: Der Moosbefall dieses Planeten. Ein hochmobiler Schleim, der sich in jeder Ritze, jeder noch so kleinen Lücke, in jeder Klimazone festsetzt und ohne Rücksicht auf sein Habitat vermehrt. Ein lustgesteuerter, aggressiver Dreckspatz mit der Unfähigkeit sein Verhalten perspektivisch zu reflektieren. Hauptsache Sitzheizung im SUV. Das sind wir. Jeder Einzelne. Ohne Ausnahme. Es gibt nur graduelle Unterschiede, Bildung und Kontostand geschuldet. Aber vielleicht gäbe es auch Lager voller Menschen, eingepfercht auf kleinstem Raum, in denen Sie gemästet würden, um dann als zarte Kleinkinder dem Schlachter zugeführt zu werden, wenn die Evolution eine andere fleischfressende Art begünstigt hätte. Es geht mir nicht um Schuld, sondern um Klarsicht.

Wenn wir ehrlich auf uns blickten und uns dann unseres Verstandes und der bekannten Fakten bedienten, dann könnten wir uns für unser Finale noch ein wenig zurücknehmen und wären wenigstens in der Lage, in unserem Untergang, in unserer Apokalypse (die Zombies sind ja schon lange da, schau in den Spiegel), einander tröstend die Hände zu halten. Wir könnten ruhig und würdevoll den letzten Vorhang fallen lassen.

Seenotrettungskreuzer

Er hat den ganzen Tag auf der Veranda rumgesessen, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, die er zum pinkeln und Nachschub holen benötigte. Glücklicherweise war der Kühlschrank bis oben hin gefüllt mit Bierdosen; nicht das labrige Light-Zeugs, sondern die extra starke Variante, genannt ‚Mammut-Bier‘. Also sitzt er jetzt da, schon ziemlich angeheitert, Mammut und der Augustsonne sei Dank, und er schaut hinaus, über die Balustrade mit den erbämlichen Schlingpflanzen hinweg, die seine Frau irgendwann mal dort angesiedelt hatte, „Schön grün wird es werden, du wirst schon sehen, richtig hübsch.“, die abblätternde Farbe ignorierend, kaltes Bier, jeder Schluck ein Treffer, da hinten die Dünen und das Meer. Irgendwo rechts fängt der Ort an, ein paar Bausünden aus den Siebzigern, Kurhotel, Fremdenverkehrszentrum, Campingplatz. Die Sonne geht unter, die Touristen packen ihre Sachen und verlassen die Strandkörbe, er schaut dem Untergang zu. Die Dunkelheit senkt sich und langsam sieht man die Positionslichter der vorbeifahrenden Frachter und Containerschiffe, links der Leuchtturm, oben auf den Felsen, von denen immer mal wieder irgendwer runterfällt. Kurz überlegt er, was er an fester Nahrung zu sich nehmen könnte, aber bevor er einen Entschluß fassen kann, vibriert seine Hose. Wie durchgeschnittene Regenwürmer bewegen sich seine Finger in der Hosentasche, die Ladung Mammut rollt er von einer Seite zur nächsten um den Bauch aus dem Weg zu bringen und als er sein Smartphone endlich hervorgezogen hat, zeigt es eine unterdrückte Rufnummer an. Rote Taste, wegdrücken, leck mich. Manchmal sieht es so aus, als würden die Schiffe gegeneinander fahren. Tun sie dann aber doch nicht. Es klingelt noch ein paar Male, immer drückt er weg, bis es ihm zu bunt wird. „Falsch verbunden, Penner! Nerv mich nicht und ruf nicht wieder an!“ „Halt! Bitte nicht auflegen! Du trinktst gerade deinen Mammut Vorrat leer, den du bei diesem Preisausschreiben gewonnen hast, stimmt’s?“ Eigentlich müsste er jetzt schlagartig wach sein, denn außer ihm und der Sauf-Bräu AG weiß niemand von seinem gewonnenen Vorrat, aber sein Erstaunen kommt noch nicht so richtig in seinem Bewusstsein an. „Noch ist saufen völlig legal! Also, warum nervst du mich, du Penner?“ „Ein bisschen mehr Freundlichkeit zu dir selbst, könnte uns gut tun, oder? Ich bin dein zukünftiges Ich und will dich und dein trauriges Dasein retten, also hör mir lieber mal zu…“ Er drückt das Plastik an seine Wange und fast sieht es so aus, als ob er Mammut-Bier aus den Poren drückt. „Watt fürn Witzbold bis du denn, Witzfigur, Wichsfigur…“ „Ja, ich weiß, wir sind gerade genervt von unserem Anruf und schon ziemlich blau, also merk dir bitte nur das Eine hier: Sonntag, die Nummer unter der orangen Ente. Hoffentlich merkst du dir das sonst sind wir gearscht!“ Aufgelegt, ein Piepen und aus. Er steht auf, geht ins Haus, die Treppen hoch und lässt sich so wie er ist aufs Bett fallen und schläft sofort ein.
Am nächsten Morgen weiß er von nichts mehr und beginnt müsam aufzuräumen, klar Schiff zu machen, seinem Leben wieder Struktur zu geben.

Darum Darum!

Bei der Mormonen Kirche am Kuhmühlenteich gab es ein Plakat und auf diesem stand:  „Warum Leben?“
Eine klebrige Formulierung, einzig geeignet einem ein in sich geschlossenes Weltbild einzutrichtern. Die korrekte Frage lautet: „Warum Sinn?“ und diese zwei harmlosen Worte machen jede ideologische Bauernfängerei zunichte. Noch besser wäre ja „Warum Warum?“, aber das hätte ja wieder niemand verstanden.