Elbe Taliban

Dasein des Müßigganges, aufwallende Berufenheitskrämpfe, jenseits des Überlebenskampfes, Pizzaservice und Kalorienüberschuss in Form von Lindt Schokoeiern. Herumlaufen und sich als ungenügend empfinden. Die Talente, die Talente! Sobald sich Zeitfenster öffnen, freut sich die Kreativ-Industrie und die Therapeuten und die Kreditgeber und die Cloudspeicherplatzanweiser, aber viel schlimmer erwischt es die jungen Menschen, die sich gerade definieren. Vielleicht werde ich auch mal ein junger Mensch, wenn ich alt bin. Oder Lokführer. Weiter umherstreunen, das Bein an strategisch wichtigen Bäumen heben und sich immer wieder neu erfinden, die Uhr tickt, Beeilung! Einfach die unbegründet positive Grundhaltung über Bord schmeißen und den Geschehnissen unter aufmerksamen Blicken ihren Lauf lassen; die gelangweilten Massen warten scheinbar nur auf den Zündfunken, um das nächste Pogrom zu gestalten. Wiederholungen, nicht nur im Fernsehprogramm. Nützt nichts, es schreitet weiter, angespitzte Bleistifte, Tastaturen, denen die Säure verschwitzter Hände die Tastaturkappenbeschriftung genommen hat, Blindflug, ein Lied auf den Lippen. Aber auch die Verrichtungen des täglichen Lebens, das Sorgen und das Planen, das Backen und Banken. Jeden Tag die Sinnlosigkeit auskleiden, schmücken, würzen und an den Mann bringen. Kindertränen trocknen. Im Angesicht des Supermarktangebotes nicht verzweifeln. Dann wieder lange Gänge um innerstädtische Gewässer, die symbolische Umkreisung der Kaaba, jeden freien Tag, alle Einwohner, aber keiner bewirft hier den Teufel mit Steinen, man könnte die Schwäne treffen und das ist verboten. Manchmal scheint auch die Sonne, Liebespaare halten dann einander die Hände und das ist auch das Einzige, was die Kapuzineräffchen im Labor machen können. Rast auf der Parkbank, die Sherpas tragen überlebensnotwendige Gegenstände zu zum Grillen freigegebenen Grünflächen, Basislager der Bekloppten. Klagegesänge zum bevorstehenden Wochenanfang im Frage-Frage Schema, Echo ohne Antwort, Hysterie und Schneegestöber, was bleibt ist eine valide Frage, Frage, Frage, Frage. Im Online-Stream prickelt die Blutleer-Sendestation auf die Festgesellschaft hernieder, die Sonne geht unter, Smartphones werden entzündet, Hüften und Hintern wackeln und wiegen sich, drängelnden Menschenmassen auf der Kirmes gleich, Versuche zu Vergessen, wobei Alkohol nachhilft; aber bitte nicht zuviel und ungesteuert, sonst darf man nicht mehr mitspielen und wird bei der Mannschaftszusammenstellungswahl nicht mehr oder nur noch als Vorletzter, vor dem Fettwanst, gewählt. Es ist gut, immer einen Fettwanst in der Gruppe zu haben, dann braucht man sich nicht ganz so schrecklich zu fühlen, das macht der ja denn für einen. Bis er auf einmal Motivationkünstler wird und einem rank und schlank die Freundin ausspannt. Drecks Besitzrechtsanspruchsdenken. Aber ach, als ob Sex wirklich relevant wäre. Versuche zu Vergessen reloaded. Mittlerweile ist Nacht auf dieser Seite des Planeten, irgendwo ist immer Nacht, Menschen die sich ansonsten nicht die Hand reichen, reiben nun ihre Geschlechtsteile aneinander; hat man ja so oder so ähnlich schon mal in irgendeinem Video gesehen und man ist sich symphatisch genug. Abspritzen, Kosmetiktücherbox. Am nächsten Morgen wieder eine von vielen in der S-Bahn. Am schwierigsten die Erkenntnis: hier gibt es kein Problem. Dann mache ich mir Wasser heiß.

Veterano

Post-Post-Modern, off-scene, driften entlang der Routen des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Führerschein ist nicht so angesagt hier. Schwarze Lederjacken, Bier in der Hand und Diskussionen, bis aufs Blut und sehr, sehr wichtig. Charakterbildend. Menschen, die bei gefüllten Pfannkuchen (Käse und Hackepeter) meine Malerei kritisieren, andere sprechen sich dafür aus und neben dem Plattenspieler steht eine Platte namens ‚Mother Russia‘. Gern angemacht, aber voll daneben, Techno ist zeitgemäß, Clubs in Abrißhäusern, entkernte Innenräume über vier Etagen, Bombeneinschlag, 50 Jahre her, Speed und Ecstasy, Bombeneinschlag, drei Sekunden her; ein Wunder, daß es bekömmlich ist. Man nimmt sich wirklich wichtig, will der Welt beweisen, daß ganze Kerle die Bühne betreten haben und ich vertrage das Rauchen nicht. Durch und durch und bis auf die Knochen provinziell, wie alle eigentlich, aber der Grad des überzeugenden Schauspiels befindet über den Wert in der Peer-Group. Nutznießer, alle möglichen Vorstellungen im Kopf, meistens bürgerlich-romantisch, absolut unangebracht, aber das große Glück besteht darin, daß ich meine Klappe halten kann. I go places. Selbstdarstellungen, junge Männer die unter schweren Wintermänteln ihre unbehaarte, nackte Brust spazieren tragen. Stehe fassungslos daneben, weil es wirklich ernst gemeint ist, erhalte aber trotzdem gut gemeinte Ratschläge. Prä-Populär-Internet (IRC-chat Terminals stehen in Clubs und beleuchten mit bernsteinfarbenen Displays Verbindungsgänge). Ost-Wind. Absurd kalte Winter, meine Haare raspelkurz, ohne Aufsatz, mit der Maschine. Klub Rehbraune Zündkerze. Enrico. Blaue Müllsäcke voll Gras, irgendwo in Polen gezogen, Zitronella, Heinz-Rühmann Schrein, Filmriß. Daß ich keine Ziele habe, weiß ich noch nicht, bewege mich aber so durch die Stadt. Betrachten, aufnehmen und, vor allem, Angst haben, was unerhört ist, denn alle haben hier einen Plan oder ein Projekt oder reden es sich ein. Staubige Sommer, die Herzlichkeit der Ureinwohner lässt zu wünschen übrig. Ich will keine Revolution, nur geliebt werden, vergucke mich in Frauen mit Fünf-Jahres-Plan; eigne mich nicht als Brandbeschleuniger und verbleibe von daher eher gemocht als gefickt. Verstehe die Welt nicht und wähne alles kompliziert. Suche Freundschaft, erlebe Karriere. Dieses Tempo ist nicht gangbar. Einige überleben das hier nicht, andere ziehen nach Bielefeld und diejenigen, die wirklich Pech haben, bekommen ihre Wünsche erfüllt. New York, Paris, Los Angeles. Aus der Ferne wünsche ich alles Beste, eingangs noch mit der Vorstellung irgendwie Bestandteil zu bleiben, dann aber im Bewußtsein meiner Inkompatibilität. Es bleibt noch der Wunsch nach einem gemeinsamen Kakao, wahrscheinlich realisiert erst zum Leichenschmaus von den Übriggebliebenen. Im Werkzeugkasten der Satz Schlüssel für die alte Wohnung zusammen mit der Steuermarke des Hundes, den ich nachts auf dem Friedhof begraben habe. 

Abschiede

Abschiede sind das Normalste von der Welt. Es kommt häufig vor, daß man Menschen aus seinem Leben verabschiedet, in dem Wissen, niemals mehr mit Ihnen Kontakt zu haben. Es ist nicht gesundheitsschädlich.

Lügnweltn

Nahezu immer vollends der Wahrheit verpflichtet. Meistens. Offenheit und Transparenz nicht als Floskel verstehen, sondern danach leben und seine Geschäftsprozesse ausrichten. Brief an die Aktionäre. Sich selbst ins Gesicht sehen können, Aug in Aug mit dem geschätzten Spiegelbild, immer eine reine Weste, ruhiges Gewissen, intakte Ohrläppchen. Tagein, tagaus, freundlich zu Mitmensch, Kind und Tier und vernünftig; nie alleine das ganze Eis aufessen, immer teilen. Nie aus der Rolle fallen, besonders beruflich toujour akurat, den Lastern mit Maßhalten begegnen, günstige Gelegenheiten und einmalige Offerten ausschlagen, da integer sein höherwertig ist. Jeder Obdachlose in der S-Bahn, der mit „Einen schönen guten Tag, ich bin der Dings und seit kurzem leider obdachlos…“ beginnt, bekommt ein bißchen Geld oder wenigstens eine Banane und wird nie als nervend empfunden. Genauso wie die rumänischen Musiker, die mit einem an einen mobilen Lautsprecher angeschlossenen MiniDisc Player und variabler Instrumentierung und Gesang erfreuen wollen. Immer alles nur Bio und nur direkt vom Bauern. Jede Kurzstrecke korrekt abgerechnet. „Bitte!“, „Danke! „,“ Guten Tag!, „Auf Wiedersehen!“. Anti-Ego Übungen; man hat ja gesehen wohin Unsportlichkeit führt. Jedes Graffiti und jedes Tag als Ausdruck urbaner Kultur würdigen. Die offen zur Schau gestellte Konsumorientierung junger Menschen als gesunden Beitrag zur Ankurbelung des Binnenmarktes werten und überquellende Mülleimer konsequent akzeptieren. Schafft ja auch Arbeitsplätze. Sich ehrlich daran freuen, daß man so viele Facebookfreunde hat. Like! Poke! Schließlich lachen ja auch immer alle über meine Gifs und empfinden ehrliche Anteilnahme bei meinen persönlichen Posts. Ganz zu schweigen von der Familie, denn schließlich ist Blut dicker als Wasser. Und am Ende des Lebens beruhigt die Augen schließen, denn Gott wird mich ja in seinem Paradies empfangen, weil ich immer so aufrichtig bin.

Warten auf den Tod

Bei dem Versuch etwas zu verstehen, ein System zu verstehen, hinter den Vorhang zu blicken, die eigene Position im Stück zu erfahren. Immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, weil man ja so vergeßlich ist. Eigentlich ist es immer wieder die Haustüre, jeden Morgen, und nicht gegen, sondern durch, das Licht, die Geräusche, Nachbarn, die auch auf dem Weg sind, Unterhalt, Versorgung, den Käse den Hügel runter rollen. Es wird Altersarmut geben, aber bitte schön nicht bei mir, mit mir, um mich herum und in meiner Nähe. Und schon rauscht das Blut in den Ohren, die Gedanken fliegen und das Ziel ist klar: die Ratio muß das Rätsel lösen, es muß einen Weg geben; nicht nur für einzelne Teile, sondern für das Ganze. Ich bin doch nicht blöd! Also denken, schreiten, denken, nicht gegen Passanten laufen, in die Bahn steigen, alles richtig machen und nichts verpassen, strategisch das Schlachtfeld überblicken, Ballone steigen auf, binokulare Periskope lugen über Schützengräben, Kradmeldestaffeln machen sich auf den Weg und Mata Hari steckt sich eine Pistole ins Strumpfband. Jahrelange Informationsverwertung. Die Gleichung wird größer, jedem seine Weltformel, einzig das Erfahrene mag sich nicht so recht fügen, immer wieder ändert es seine Form, die Botschaften plötzlich in Chiffre, geheime Depeschen auf dem Billboard, neonerleuchtet. Im Führerhauptquartier macht sich Verzweiflung breit; es wird nachts gewacht und tagsüber geschlafen. Der Bunker wird zur Heimat, der Dienst ist hart, aber irgendwer muß es ja schließlich machen, oder? Pflichterfüllung. Lieferdienste und Kioske mit langen Öffnungszeiten bilden die Tender des Train of thought. Märklin Einsteigerset. Immer im Kreis. Anhand der grauen Haare auf der Brust kommt eine Ahnung von durchschrittenen Zeiträumen zustande. Wenn man Pech hat, bleibt man die ganze Dienstzeit über auf diesem Posten und atmet gefilterte Luft. Wohl dem, der einen Volltreffer gelandet bekommt. Mitten rein, Präzisionslaserlenkwaffen, Bunkerknacker. Eine fiese, ohrenbetäubende Explosion, Tiefenerschütterung, womöglich verliert man Gliedmaßen dabei, aber hernach, direkte Sonneneinstrahlung und Klangschalengeläut. Benommenes Stapfen über Schutthaufen, dahinter unstrukturiertes Chaos ohne Zeitmessgeräte und Bademeister. Wieviel Uhr ist es?