Noch schweigt er

Everyday is like sunday. Die Anfangshürde, die genommen, gerissen, zu Fall gebracht werden muß, ist oftmals hoch, zuviel Zeit geht ins Land und wenn denn einmal die Vorleistung erbracht ist, Zeit freigeschaufelt, dann muß irgendein Blödsinn am Rechner installiert werden. Updates. Upgedated, eigentlich sollte es doch erneuern oder erneuert heißen, aber unsere Sprache kommt bei der Heim-IT an die Grenzen und zur besseren Verständigung gibt es dann was vom Sprachengemischtwarenladen. Der Montag und der nicht ganz so schlimme Brotjob drohen wieder zu mir herüber, es ist kein Brötchenjob, diese Verniedlichung will ich ihm nicht zugestehen, hätte auch Diminutiv schreiben können, um mich wichtig zu machen, aber es ist nur eine Verniedlichungsform; über diese Art der Selbstinszenierung bin ich hinaus. Mache mir wieder viele generelle Gedanken zum Thema Schreiben, las gestern Nacht ‚Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers‘ von Eco zuende. Eitler Pfau, der Eco, aber bestimmt berechtigt, von dem was man hört, aber was weiß man schon, ist aber auch egal, denn der entscheidende Punkt ist ja die eigene Timeline, der sich nach hinten verjüngende Zeitstrahl, er wird immer dünner, bis er abreißt und sich einen neuen Zeitstrahlinhaber sucht. Wie balanciere ich auf ihm, ich, der ich schon auf der Leiter stehend Höhenangst bekomme? Phillipe Petit ist zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers balanciert, so hoch, daß es eine Aufhebung von Höhe war, absurd hoch. Eine für mich angemessene Form der Literatur beinhaltet die Aufhebung der formalen Grenzen. Fiktiv, real, wer ist der Ich-Erzähler, gibt es überhaupt einen, wie läuft die Zeit, gibt es diese Worte wirklich? Absurd hoch, aber langweilig kann jeder. Morgen wieder Langeweile, der Druck zur Lebensabsicherung, geduldig erträgt er es. Fram Sogway hat zuende gepfiffen, diese Melodie, die eine Melodie, die er beherrscht, alle macht sie wahnsinnig. Niemand möchte den Frieden im Großraumbüro stören, aber dieses Gepfeife und Gesumme ist nicht zum Aushalten. Eigentlich möchte man nur aufstehen und ihm ungeschickt und ungeübt eins in die Fresse geben; wahrscheinlich ist Fram dann aber doch so ein Karatekämpfer und es nimmt ein böses Ende. Parallelwelt, zweite Familie, first place. Wenn er seine Zeit absitzt, in der Schirm starrt, dann denkt er immerfort nur daran, daß eigentlich alle immerfort nur an Flucht denken. Außer Fram, dem scheint der ganze Scheiß ja wirklich zu gefallen. Weil, der pfeift ja immer. Würde ich eigentlich eine dieser modernen Schreibmaschinen kaufen? Fünfhundert Dollar, sehr gute Tastatur, interner Speicher für eine Millionen Seiten, WLAN Anbindung zu den bekanntesten Cloud-Speicher Anbietern und einen kleinen, aber feinen e-Ink Display. Kein Laptop, eine moderne Schreibmaschine. Nachdem Petit die Show zwischen den Türmen gelungen war, mußte er ersteinmal das Leben feiern. Im Bett einer ihm unbekannten Dame. Obwohl er eine Freundin hatte. Hat Fram eine Freundin? Auf der Trauerfeier für Fram sitzt in der ersten Reihe eine Frau, gutaussehend wie aus einer US-amerikanischen Vorabendserie der Achtziger, inklusive des schwarzen Schleiers. Seine Mutter? Jeder weiß, daß er ein guter Sportler war (Karate?) und jetzt soll es das gewesen sein mit ihm? Ertrunken beim Versuch die Alster zu durchqueren, vom amerikanischen Konsulat zum Kuhmühlenteich. Glaubt doch niemand wirklich. Und dann diese Frau, die so gar nicht zu ihm passt. Die pfeift ja noch nicht mal!

Verweigerung

Der kindliche Affe schlägt voller Vergnügen auf die Tastatur ein und die Worte purzeln auf den Bildschirm, der Cursor rennt um sein Leben, kontinuierliches Speichern als Bedeutungssimulator; rote Kringel verraten das Wirken der Rechtschreibkorrektur, bisweilen mit Hang zur unverlangten Kreativität. Alles mit Netz und doppeltem Boden, denn es entstehen selbsttätig dezentrale Sicherheitskopien in Rechenzentren hinter den sieben Bergen. Jedoch, es gibt nichts zu berichten, die Inhalte sind leer, auch wenn die Sehnsucht der der Seefrauen gleicht, die jeden Tag aufs Meer hinausschauen und auf die Rückkehr der Seemänner hoffen, Kerzen in der Kirche aufstellend. Heilige Jungfrau, bitte für uns! Dank Zehn-Finger Tastschreiben können ihre Gedanken schneller in die Software eingebracht werden, der Befindlichkeitsfilter bewahrt vor langweiligen Krankenakten – kein Krebs, keine Depression, bitte gehen Sie weiter, das hier ist für Fortgeschrittene. „Das Altern ist nichts für Feiglinge.“, äußern freundliche Senioren in beiger Einheitskluft ohne Rücksicht. Bewegungen im Unreinraum; die Knochen gleiten aus Händen und Handlungsempfehlungen werden aus ihnen herausgelesen, die willentlich nicht befolgt werden oder die jenseits der Möglichkeiten, bei den sieben Zwergen, liegen. Aber Wiederholung erzeugt Sicherheit, der Rosenkranz funktioniert prächtig und bald sorge auch ich mich um die Rente. Was bleibt? Vielleicht der Dienst, das getreue Arbeiten jenseits des Rechthabens?

Wie aus der Zirkuskanone geschossen

Im Überschwang der Gefühle. Atemlos vor Aufregung. Jetzt gilt es, jetzt ist der Punkt in der Zeit, in welchem alle Erwartungen zusammenlaufen und die Scheinwerfer des Jugendheims, der Kneipenbühne, der Firmenveranstaltung einem die Schweißtropfen aus der Haut saugen, glitschige Nasenflügel produzierend. Der Zollstock der vergehenden Sekunden klappt sich unendlich und unendlich langsam aus, die zurechtgelegten Worte spricht scheinbar jemand der ganz in der Nähe steht, aber trotzdem nicht zu sehen ist. Alle schauen ohnehin nur in meine Richtung. Dann kommt die Meldung rein: die Pointe sitzt, die Lacher lachen und wie auf einer Woge wallen die Worte auf, folgen der Drehung aus der Hüfte, dem Ausfallschritt, dem frechen Fingerzeig. Der Beat stimmt. Disko. Die folgenden Takte gehen geradeaus, Hand an die Hosennaht, leichtes Schwingen, keine Virtuosität vortäuschen! Dann wechselt die Lichtstimmung, alles in Blau, die Wahrnehmung ändert sich und auf einmal hört man sich selbst, nur leicht versetzt – die beste Methode ins Stocken zu geraten. Tatsächlich versiegt das Bächlein, das Manuskript mit TippEx geschrieben, die Pausen folgen nur noch der Dramatik des einsetzenden Versagens, keiner wippt mehr mit den Fußspitzen und der innere Trainer ist schon dabei das Handtuch in den Ring zu schmeißen. Dem Glücklichen erscheint in dieser Situation mein Freund Harvey, das weiße Kanninchen, über zwei Meter groß. Wie ein Zen-Meister führt er freundlich den Stock, der mit lautem Krachen im Nacken zerschellt. Die Worte schießen heraus wie eine Blutfontäne, die erste Reihe schüttelt sich vor Verwunderung und ist überzeugt, einer ausgefuchsten Aufführung beizuwohnen. Die Finger greifen wieder in die richtigen Tasten und der Fänger greift nicht ins Leere; das Netz bleibt leer. Ein Glück, denn der Clown hat vergessen es zu spannen. Es folgen noch ein paar einfache Standardschritte, der Höhepunkt ist gelaufen, postkoitales Kuscheln. Noch eine klitzekleine Finte, kurzes Gelächter, Verneigung. Der Überlebende kehrt zurück zu seiner Schonhaltung, der Puls beruhigt sich und in der Pause nickt jemand zustimmend. Dem Unglücklichen, ohne die haseninduzierte Erleuchtung, bleibt nur die Schmach des Mitgefühls der Umherstehenden: „Ich hätte mich das erst gar nicht getraut.“.

Abendgebet

Ruptur. Langsam von oben nach unten. Die Teile, und es werden immer mehr, passen gar nicht mehr zusammen, in guten Momenten fische ich nach ihnen, in schlechten produziere ich noch mehr davon. Riesige Kristallkugeln wabern vorbei und das Trottoir ist glitschig von den vielen geplatzten Blasen, Filterbubbles, unaufhörlich wird neuen Globen der Odem eingehaucht; von irgendwas muß der Mann schließlich leben. Und abends, wenn er nach Hause kommt, dann taucht er seine Hände in Dreck, Staub und Kot, um sich die erzwungene Sauberkeit abzuwaschen. Kruzifixe und andere rituelle Gegenstände stehen in den Regalen und weisen ihn als einen Anhänger des wahren Glaubens aus. Im Hinterhof blüht derweil eine seltene Blume an einer nicht einsehbaren Stelle, abgeschirmt durch Winkel und Rohre, lediglich von einem vergitterten Kellerfenster aus sichtbar, wenn man sich die Mühe machen würde, den zugemauerten Eingang zu diesem Keller aufzubrechen und sich mit den in dem Raum befindlichen stummen Zeugen zurückliegender Verbrechen zu beschäftigen; denn diese blockieren den Weg zum Fenster. Auf dem Dach des selben Hauses steht ein Junge, bereit sich in den Hinterhof zu stürzen, damit er mit seinem letzten Augenblick die Blüte nah erleben kann. Er lässt es bleiben, erfindet lieber die Klappleiter und verpasst so das seltene Gewächs. Auf dem Wasser des nahe gelegenen Flußes treibt ein Stück Holz, vielleicht ein dicker Ast oder eine Buddhastatue, rundum naß. Ausflugsdampfer fahren an ihm vorbei, die Touristen interessieren sich für die am Ufer stehenden Villen und die Geschichten, die der Bootsführer dazu erzählt. Möwen mit Plastikmüll in ihren Mägen sitzen apathisch auf Peitschenlaternen, Juden gehen unter ihnen vorbei. Diese Menschen werden bald Feste feiern und viel Alkohol trinken, aber der Rabbi wird am betrunkensten sein. Dann die Ernüchterung: nur wer liebt, der leidet wirklich.

Der Zustand der Welt

Der Dampfer wühlt sich durch die Wellen, Seegang, nicht mehr so ruhig, wie die letzten Tage noch. In unserer 2te Klasse Kabine ziehen wir die Vorhänge zu und lassen die Welt draußen. Eigentlich sollte ich nachdenken, projektieren, mir die Zukunft zu eigen machen, alternativ der Abendgesellschaft beiwohnen, aber stattdessen schreibe ich. Verarmter ungarischer Landadel, die Habseligkeiten inklusive der Schreibmaschine, große Koffer, die Träger bekommen ein stattliches Trinkgeld. Stanze die Buchstaben in das Papier, manchmal verhaken sich die Typen; dann nehme ich einen Schluck Cognac und übe mich in Geduld. Währenddessen räkelt sich die Dame im Bett, verlangt nach der Schiffszeitung und einer Prise Kokain, um den Tag frisch zu beginnen. Der Obermaschinist ist der Mann des Tages, hat er doch das Hündchen des Filmstars wiedergefunden, welches seit ein paar Tagen als verschollen galt. Bei den Heizern, schwarz von Kohle. Morgen leichte Brise aus Süd-West. Ansonsten sonnig. Tontaubenschießen auf dem hinteren Deck. Negermusik dringt zu uns herein. Vielleicht lasse ich den Steward rufen, damit er mir den Smoking aufbügeln lässt und ich schwinge doch noch das Tanzbein. Unter uns regiert die Schattenarmee, füttert alles brennbare in den Bauch des Antriebes, lässt uns fliegen. Rings um uns herum nur die Weite des Ozeans, die Bezugspunkte, falls vorhanden, künstlich. Über uns das kalte Weltenall, Sterne, Gasplaneten. Das einzige, was zählt, ist die Langlebigkeit des Farbbandes, der ausreichende Ersatz für selbiges und der stetige Nachschub an weißem Papier. Frage mich, wo die auf dieser Reise Verstorbenen vor uns versteckt werden. Vielleicht in Kühlkammern, in denen normalerweise Kaviar und Champagner vorgehalten wird? Jeden Tag verschwinden Personen und werden durch andere, scheinbar neue Gesichter ersetzt. Kommen die aus den unteren Ebenen? Vermeine Hühner aus der dritten Klasse gackern zu hören, welche den dortigen Reisenden als Nutztiere dienen. Die Aufenthaltsräume dieser Menschen liegen unter dem Meeresspiegel und haben demzufolge keine Bullaugen. Die Vanderbilts haben eine Suite mit Balkon, den sie niemals nutzen. Hoffentlich kommen keine feindlichen Unterseeboote und fressen unsere Bruttoregistertonnen. Manchmal singt eine alte Frau, die von sich behauptet, Opernsängerin gewesen zu sein, laut und falsch Arien während des Captains-Dinner. Wale könnten das falsch verstehen und versuchen sich mit unserem Schiff zu paaren. Das wäre besser als Torpedobeschuß, aber immernoch unerquicklich, denn das Wasser hier scheint nicht tropisch zu sein. Die Frau möchte sich vergnügen, Perlenkette, Federboa, lange weiße Handschuhe, keine Unterwäsche. Vielleicht kann ich sie einem schneidigen Marineoffizier in Uniform anvertrauen, mich entschuldigen und dann hier unten weiterschreiben. Der Cognac ist bald leer, aber ich bin guter Dinge, die Wellen schlagen leise an die Schiffswand und von Zeit zu Zeit hört man andere Passagiere über den Flur laufen. Gegen 4:13 überfliegt ein Aufklärungsflugzeug unseren Dampfer, die Vierlingsflak antwortet bescheiden. Ich ignoriere den Krach und spiele auf der Tastatur: „Kinder in Rettungswesten stehen weinend auf dem oberen Deck.“