Unbemerkt

Unsere missgebildeten Brüder und Schwestern kamen in den dunklen Keller, unsere Eltern schlossen sie direkt nach der Geburt dort ein, permanent ihre Liebe beteuernd. „Genauso, wie wir emporsteigen, werdet auch ihr bald den Keller verlassen können und eure Kleider werden prächtiger werden!“, flüsterten sie. Und das Haus wurde größer und höher, bekam mehr Stockwerke und wir wandelten frei zwischen ihnen hin und her.
Nur, der Keller blieb verschlossen. Immer wieder riefen die Kinder nach ihren Eltern und diese sangen liebliche Melodien zu ihnen hinunter, während sie die Stabilität der Türe prüften und ihren Müll und Unrat von Dienern in den Keller hineinkippen ließen. Während wir in die hohen, weißen Türme zogen, deren Türknäufe aus Gold und die Kopfkissen der seidenen Betten mit Einhornhaar gefüllt waren, lebten die Diener und Zofen immer ein paar Etagen unter uns.
Und noch immer schrien meine Geschwister aus dem Keller zu uns hinauf, in Kot und Unflat stehend, immer noch voller Hoffnung in unsere Eltern, die mittlerweile Gewänder aus Blüten trugen, während wir in Licht badeten. Bald aber überkam die Kellerkinder große Traurigkeit und sie ahnten, daß sie niemals aufsteigen und die Liebe ihrer Eltern und Geschwister erfahren würden. Deshalb steckten sie ihre kleinen, mageren Finger in das Schloß der Kellertüre und drehten solange bis das Fleisch in Fetzen hing, Bäche von Blut und Tränen den Mechanismus zersetzten und Knochensplitter die Riegel und Zapfen im Inneren auseinanderdrückten, so daß die Türe aufsprang. Es schrien die Sklaven und Diener, daß die Flut der ungeliebten Kinder über sie hereinbräche und Krankheit, Verbrechen und Tod ihre Begleiter seien. Sie verloren ihren Verstand und stürzten sich in ihre Schwerter, obwohl die Elenden ohne sie zu beachten aus dem Haus krochen, um die Sonne zu sehen und niemals wieder zurückzukehren.
Ohne Diener und Sklaven konnten wir uns nicht mehr ernähren und waschen und bewegen. Die Eltern fingen an, ihren Hunger an unseren Leibern zu stillen und bei jedem Schnitt den sie taten, versprachen sie uns ein ewiges, seliges Leben, nachdem unser Fleisch zur Nahrung für sie geworden wäre. Also hielten wir still und starben. Dann, als kein Kind mehr übrig war, begannen sie, sich gegenseitig zu verspeisen. Allen Lebens beraubt blieb das prunkvolle Haus zurück und bald schon wuchsen dort Pflanzen, die blühten, ohne daß es jemand bemerkte.

Alter Affe

Es ist beschlossen und vorgenommen. Es gibt ein paar wirklich detaillierte Pläne, eine ganze Menge Loseblattsammlungen sowie Notizen auf Pizzalieferservicewerbung und alten Briefumschlägen. Ich habe mir ein altes Laptop mit Linux fit gemacht, habe VIM installiert und ein Skript eingebaut, welches mir in einem schönen, giftgrünen Balken am unteren Ende des Bildschirms, die Anzahl der Wörter im Text anzeigt. Gegen meine sonstige Gewohnheit habe ich mit vielen Leuten darüber gesprochen, habe es allen auf die Nase gebunden und nun steht mir die Umsetzung bevor. Normalerweise würde ich ja um so ein komisches Event einen Riesenbogen machen, aber diesmal fand ich, daß ich alt genug bin. Es fühlt sich jetzt einfach richtig an, sich einmal komplett zum Affen zu machen.

Es geht um folgendes: innerhalb des Monats November soll man einen Roman mit 50000 Wörtern schreiben. Das wären dann 1666 Wörter pro Tag, wenn man 30 Tage zugrunde legt. Angeblich entspricht das ungefähr dem Umfang von ‚Der große Gatsby‘.  Sinn und Zweck ist aber nicht, dass man Böll oder Thomas Mann Konkurrenz macht, sondern daß man einfach einen Text stur und fokusiert runterschreibt, ohne daß einem der interne Kritiker in die Quere kommt. Das ist halt die Stimme im eigenen Kopf, die einem spätestens nach einem Absatz zuraunt, daß der Text sowieso hohl ist, alle das schon mal besser und interessanter gesagt haben als man selbst und man ohnehin besser in der Versenkung verschwinden sollte, damit die Schmach nicht noch größer wird. Ich vermute, jeder, der in irgendeiner Art und Weise kreativ ist und etwas aus eigenen Beweggründen heraus entstehen lässt, kennt diesen Kritiker. Meistens hat er zwar Recht, aber da wir nun einmal in diesem Dasein gestrandet sind und unsere Zeit irgendwie mit Bedeutung füllen wollen, kann man ihm auch mal liebevoll die Lippen zunähen.

Natürlich kommt eine solche Veranstaltung ursprünglich aus dem Land der ehemals unbegrenzten Möglichkeiten, jedenfalls der eingebildeten. Dort läuft das Ganze unter der Abkürzung NaNoWriMo, was soviel heißt wie National Novel Writing Month. Mittlerweile ist sie nicht mehr ganz so national, sondern ein weltweites Phänomen mit Teilnehmern rund um den Globus. In meinem Altersstarrsinn gehe ich allerdings davon aus, daß ein Großteil der anderen Teilnehmer ziemlich jung ist und wahrscheinlich Fantasygeschichten oder Fanfiction schreiben wird. Vielleicht schaffe ich es ja einmal zu einer der Veranstaltungen der deutschen Region, die hier in Hamburg während des NaNoWriMos abgehalten werden, um mich eines Besseren belehren zu lassen oder um als merkwürdiger alter Sack einen Gastauftritt zu haben. Wie dem auch immer sei, ich gehe als aufrechter Narr in den Monat November und freue mich schon auf das wie auch immer geartete Ergebnis.

Kaltes Lächeln

Der Nachtbus (audio)

Asyl

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Es gibt dieses Cliches von der Ähnlichkeit der Besitzer zu ihren Haustieren. Bei ‚Milo‘ kann ich es bestätigen. ‚Milo‘ ist ein muskelbepacktes, mindestens 150 Kilo schweres Kampfhund-Etwas, das kraftstrotzend und an einem extra dicken Lederhalsband von seinen Besitzern in die gewünschte Richtung gezogen wird. Sein auf Aggressivität gezüchtetes Dasein, mit kleinen, dunklen, grausamen Augen und einem Gebiß, das mit Sicherheit verchromte Autostoßstangen zum Frühstück knuspert, spricht Bände über die Geisteshaltung der Besitzer, auch wenn ich nicht zuhören möchte. Tätowierte Bodybuildertypen aus dem Türsteher-Millieu, die einander zärtlich ‚Digga‘ nennen. Ich halte lieber Abstand zu ihnen, denn selbst bei öffentlichen Veranstaltungen weiß man ja niemals mit Sicherheit, ob man von denen nicht unangespitzt in den Boden gerammt wird, nur weil man vielleicht falsch geguckt hat.

Überhaupt ist es beachtlich, wie viele Menschen hier sind. Scheinbar ist Tierschutz ein Thema, dass identitätsstiftend wirkt. Ich bin sehr dankbar, dass die Besucher nicht alles Freunde von ‚Milo‘ sind, sondern daß sich ein repräsentativer Querschnitt an Vierbeinern aufgemacht hat, um das Tierheim zu besuchen, inklusive der sich am anderen Ende der Leine befindlichen Menschenaffen. Bei diesen handelt sich um eine bunte Mischung aus Hamburgern, hohe Tiere inbegriffen. Selbst der unvermeidbare Carlo von Thiedemann gibt seine Moderationskünste zum Besten. Die Menschen drängen sich über das Gelände, das ungefähr fünf Fußballfelder groß ist. Als überzeugter Nichttierhalter bin ich erstaunt darüber, daß sich hier alle mit ihren Hunden einfinden. Vielleicht ist es aber auch so eine versteckte Erziehungsmaßnahme, so ähnlich wie die in einigen Ländern auf den Zigarettenschachteln abgedruckten schwarzen Lungen und Tumore. Wenn du nicht spurst, Fido, dann kannst du dir schon mal ansehen, wie es mit dir enden könnte.

Eher wahrscheinlich ist es, daß es sich um ein Sehen und Gesehenwerden, ein Einandererkennen, die animalische Untermauerung der Persona, Ich als Tierschützer und Veganer, handelt. Denn in der Tat, das Futter für die Menschenaffen, welches neben den Taubenfreunden aus Lüneburg und dem Hunderettungsmobil (gestiftet von XY), angeboten wird, ist überdeutlich als fleischlos und tierproduktefrei annonciert. Keine Chance also auf eine Currywurst oder einen Döner. Pfui, wie kann man angesichts der befellten Mitgeschöpfe auch nur an sowas denken? Aber es ist mehr als eine Ernährungsempfehlung, eher eine Aufforderung, zu welcher es keine Alternative gibt, ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, wenn man sich als Tierfreund definiert. Und weil sich eben keiner als Fleischfresser outen will, abgesehen von den Hunden, werden halt vegane Speisen für den guten Zweck gemümmelt. Diejenigen, die ganz sicher gehen wollen oder deren jugendliches Gerechtigkeitsempfinden es noch zulässt, tragen dazu noch Sticker oder T-shirts mit der frohen Botschaft spazieren. Insgesamt müssen es also sehr gewissenhafte Tierfreunde sein, die in der Mehrheit mit dem Auto gekommen sind.

Neben Hunden und den Katzen, die statt in einem Zwinger in einem Katzenhaus leben, gibt es aber auch noch viele andere Tiere, welche durch die Begegnung mit der Krone der Schöpfung in irgendeiner Art und Weise Schaden genommen haben und deswegen gesundgepflegt werden müssen. Schlangen, Spinnen, Schildkröten, Pferde und ein Fuchs, der abseits der Besucherströme gehalten wird, damit man ihn wieder auswildern kann. Und angesichts der Art und Weise, wie mancher Besucher mit seinem Hund umgeht, wünscht man dem ein oder anderen Tier einen Aufenthalt in diesem Tierheim. Quality time. Währenddessen steht eine Frau auf der Bühne und referiert über die Qualen, denen die Stadttauben ausgesetzt sind. (Tauben sind ehemalige Haustiere und müssen gefüttert werden.) Sie redet über viele schlimme Dinge, einschließlich über die Bestien, die unverantwortliche Menschen auf die Vögel hetzen: Kinder. Ist bestimmt nicht nur in Lüneburg so. Ich lasse den Blick weiterschweifen, der Besucherstrom ebbt nicht ab, eine Tierpflegerin trägt einen Igel durch die Menschenmenge, ein bisschen hin- und hergeworfen in seinem durchsichtigen Plastikeimerchen, eine Frau schleicht einher, an ihrer Leine eine alte Dackeldame, kaum noch fähig sich zu bewegen und mit einer großen, baumelnden Geschwulst am Hals. Nicht jeder findet im Alter jemanden, der so geduldig mit einem spazierengeht.

Nach zwei Stunden kehre ich diesem Heim für Tiere den Rücken. ‚Milo‘ und seine Begleitung steigen derweil in einen albern gestalteten japanischen Kleinwagen mit einem ‚Ein Herz für Tiere‘ und einem christlichen Regenbogenfisch Aufkleber. Scheinbar hat das Bällebad in der Kinderkrippe des schwedischen Möbelhauses seit neuestem Türsteher.

Der Nachtbus

Der Nachtbus kommt. Müde von der Selbstverneinung des Tages, schleppen sich die Gesellen in den Fahrgastraum, dicke Kissen unterm Arm. Der Chauffeur spannt die Schlafseile für alle, die sich kein Bett leisten können und drückt auf die Tube. Resignierend lasse ich mich hängen: morgen ist wie heute, nur alles von vorne.