Heilbumsen

He doesn’t play for money wins,
he doesn’t play for respect.

Sting

Es geht gar nicht um mich. Vielmehr um einen Dienst an den Mitmenschen. Ich meine, wenn sich die Leute um Obdachlose kümmern oder für Greenpeace engagieren, dann ist das gar kein Gesprächsthema mehr. Also zumindest die letzten paar Jahre, immerhin gibt es die Grünen jetzt auch als Ministerpräsident und so. Und so sehr stehe ich auch gar nicht auf Frauen und ich hänge halt auch nicht permanent auf einschlägigen Dating-Internetseiten rum. Sie dürfen sich da nichts falsches vorstellen.

Angefangen hatte es mit der Freundin von einem Bekannten, die wollte eigentlich nur reden und weil ich dieses „Erzähl-mir-dein-Leben“-Gesicht habe, ging das stundenlang. Nicht, daß es mich nicht interessiert hätte. Ich finde es schön, wenn die Menschen mir vertrauen und ihr Herz ausschütten. Sie hat auch wirklich doll gelitten und sich so viele Dinge vorgestellt, wie es zu laufen gehabt hätte und wie das Leben zu sein hat und dann war alles so anders gekommen und dann war da Schuld und ganz wenig Liebe, gemeine Vertrauensbrüche, böse Worte. Dann war sie so überwältigt, dass sie mich berühren musste und so kam plötzlich der Sex dazwischen und eigentlich wußte ich gar nicht so recht, ob das alles so seine Richtigkeit hat, aber passiert ist passiert. Nachdem es vorbei war, hat sie sich geschämt. Das fand ich unnötig. Ich sagte ihr dann, dass es nur eine Art Fortsetzung des Zuhörens gewesen sei, quasi physisches Zuhören und die Hauptsache sei, daß sie sich ein bisschen besser fühlt. Entspannung ist doch wichtig, oder? Jedenfalls war es das Stichwort und von da an hatte sie ein erhöhtes Bedürfnis nach Entspannung. Und irgendwie gefiel ihr wohl auch, daß es keine Verpflichtung zu irgendwas gab und als ich noch kleiner war, war ich generell sehr hilfsbereit. Außerdem ist es ganz natürlich. Man hat doch auch so einen angeborenen Drang zur Bewegung.

Daneben gab es aber auch ihren großen Freundeskreis und bald bekam ich eine andere Email. Von fehlender Entspannung war die Rede und von meiner offenen Art und ob ich mir nicht vorstellen könnte, sich einfach mal zu treffen, ganz ergebnisoffen, um zu sehen und so weiter. Wenn ich eine Spinne zuhause entdecke, dann trage ich sie doch auch in einem Glas nach draußen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch eher weniger abends vor, bin nicht so der Kneipentyp, und habe zugesagt. Irgendwann habe ich dann aber meine Mitgliedschaft im Sportverein gekündigt, weil ich es einfach nicht mehr geschafft habe zum Yogakurs und Aquajogging zu gehen und gehe nun lieber regelmäßig zum Arzt.

Und als ich dann endlich die Visitenkarten hatte, dachte ich darüber nach, daß es doch auch in Ordnung wäre, die ein oder andere Spende anzunehmen, die man mir ohnehin immer angedeihen lassen wollte. Viele der Termine liegen halt auch ein bisschen weiter draußen, ich habe aus Überzeugung kein Auto und dann nehme ich ein Taxi, bis auf im Sommer, dann ist ein bisschen Fahrrad fahren sehr nett, nur auf dem Rückweg kann es manchmal zwacken. Nein, ich will mich nicht bereichern, es ist halt nur so, daß auch das Babyöl, die Gummihandschuhe und die Batterien von irgendwas bezahlt werden müssen.

In so einem Internetforum für Rechtsfragen habe ich dann nach Gemeinnützigkeit gefragt, aber das scheint nicht so einfach zu werden. Obwohl es doch für alle gut wäre, wenn man die Spenden steuerlich geltend machen könnte. Ist doch bei amnesty genauso.

Arbeit

Es muß die XL Variante sein. Doppel Bratwurst als Curry. Mit Pommes und Mayo. Dazu eine Orangenlimonade. Belohnungszentrum Overkill. Die Männer hinter dem Stand schwitzen und es sieht so aus, als würden sie kein Haargel benötigen, um ihre Frisuren zu stylen. Eine harte Arbeit, mit Sicherheit. Garantiert niedriger Lohn und gewinnoptimierte Arbeitsbedingungen. Kannst ja was anderes machen, kannst ja gehen, gibt genug andere die Schlange stehen. Der eine von den beiden sieht türkisch aus. Was wäre, wenn er Muslim ist? Jeden Tag Schweinefleisch in den Fingern und abends kann man sich noch nicht mal die Kante geben. Dürfen Muslime das überhaupt, mit Schweinewürsten arbeiten? Schweine sind reinliche Tiere. Hoffentlich mache ich mir die Ärmel nicht schmutzig, denn es ist ja das gute Hemd. Immer wenn ich Mayo esse, denke ich daran, dass sie ja auch verdorben sein könnte. Dann schaue ich mich um und versuche anhand der Besucherfrequenz zu ergründen, ob die großen Mayoeimer schnell leer werden oder ob sie tagelang ohne Kühlung an der Friteuse stehen – wartend auf die paar Idioten, die tatsächlich Mayo zu Pommes nehmen. Dann fresse ich weiter, schaue ab und an hoch und sehe mir meine Nachbarn am Trog an.

Da gibt es ein Pärchen, dass so aussieht, als wären sie hier, um einmal groß essen zu gehen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Dann ein paar Männer, die gerade von einer Wanderung in den Alpen zu kommen scheinen. Alpiner Wanderweg, niedriger Schwierigkeitsgrad ohne die Verwendung von Steigeisen oder Sicherungen. Der Barista vom Espressoladen kommt sicheren Schrittes und setzt sich mit einem Kentucky Fried Chicken Sandwich an die Bar. Das kann nur bedeuten, dass er zur Besatzung gehört. Irgendwie familiär vielleicht. Er isst, sehr bedacht darauf keine Krümel zu hinterlassen. Eine ältere Frau mit Sonnenbankhaut (Kentucky Fried Chicken) in unpassend jugendlicher Kleidung, zusammen mit einem Paar im Teenageralter, welche die gleiche Kleidung tragen und auch nicht besser darin wirken. Sie haben auch mindestens die Doppel-Curry, nur noch zusätzlich ein Kölsch im Plastikbecher mit dabei. Abstinent zu sein, ist nicht immer einfach.

Es ist gut, dass ich nicht dort drüben an der Friteuse stehen muss. Als ich jünger war und mir nicht vorstellen konnte, mir etwas zuzutrauen, habe ich mal 6000 Berliner gebacken. In einer einzigen Nacht. An einer sehr großen Friteuse, wo die Teigklumpen in kleinen Drahtkörben durch das siedende Fett gezogen wurden, um am Ende mit Spritzen ihre Marmeladeninjektion zu bekommen. Danach fielen sie in eine Wanne mit Zucker, heiß und fettig, und ich musste sie von dort auf Backbleche befördern.

Mehr als das war nicht drin. Von daher habe ich schon immer die Leute beneidet, die mal kurz am Bau oder in der Fabrik arbeiten gehen konnten, Roadies und andere starke Kerls, Muskelmänner, die dann in kurzer Zeit viel Geld verdienten. Die konnten sogar auf Schiffen anheuern und im Nordmeer Fische ausnehmen. Und sich in berechtigte männliche Posen stellen, im Hintergrund Eisschollen. Ich habe, wenn es hoch kommt, mal ein paar Eiswürfel in der Limo, aber nicht zu viele, sonst bekomme ich Magenprobleme.

Trotzdem: obwohl ich nicht schufte, stinke auch ich nach Schweiß. Ich bin in Schweiß ausgebrochen, weil ich die Antworten nicht wusste und den Rest gab mir das aluminiumsalzfreie Deodorant. Dann fange ich an zu improvisieren. Irgendwie durch die Situation kommen. Zum Schluß jedoch bedankten sich alle mit zufriedenen Gesichtern. Das ist dann der Moment, an dem auch ich glücklich bin. Nicht so sehr, weil ich eine gute Dienstleistung erbracht habe, sondern vielmehr weil es hinter mir liegt; ich kann nach Hause fahren. Und vorher Pommes essen.

Nachdem ich jetzt fast alles in mich hinein geschlungen habe, komme ich zu dem Ergebnis, dass die Mayo noch frisch sein muss: es gibt eine kontinuierliche Schlange von unterschiedlichen Menschen, die um Würste anstehen. Mein Tablett bringe ich ordnungsgemäß zur Rückgabestation, schließlich will ich ja keine unnötige Arbeit machen.