Eine Restaurantkritik

Das Zeichen 金 bedeutet ‚Gold‘ und über der Türe steht in großen lateinischen Lettern ‚Golden‘. Dabei scheint es sich um einen Witz zu handeln, denn alles was diese Fassade ausstrahlt, ist weit entfernt von ‚Golden‘: ein zweigeschössiges Haus, vermutlich ursprünglich aus der Gründerzeit, dem der Krieg das Dach geraubt hat, nun Flachdach, das Äußere gekachelt und in Parterre sind die Kacheln mit weißer und roter Latexfarbe bemalt worden. Vor vielen Jahren. Jetzt ist es feinstaub-rot und schmutzig-weiß und blättert ab, nur um dreckige graue Fliesen freizulegen. Drei Fenster zeigen chinesische Hinterglasmalerei(?) und auf der Eingangtür sind Schriftzeichen gemalt, mit goldener und roter Farbe und deutlichem Duktus, wahrscheinlich mit Borstenpinseln aus chinesischer Schweineborste. Neben der Eingangstüre der obligatorische Glaskasten für das Menü, alles durch die Sonnenstrahlen Hamburgs vergilbt und mit Ausrissen von Szenemagazinen garniert, die schon seit den 80ern eingestellt sind. Die Fenster der zweiten Etage sind mit Mückengaze verhängt, die man schon länger einmal hätte ersetzen müssen, im Hintergrund kann man Edelstahl und chinesische Flüche ausmachen. Das muss die Küche sein. Alles in allem ein Anblick, bei dem man an Gesundheitsamt und nicht an Genuß denkt. Ich gehe natürlich rein.

Nach einem kleinen Treppenaufgang befindet man sich in einem klassisch rot-braunen Chinarestaurant-Ambiente mit niedriger Decke. An den Wänden Vertäfelungen mit Holzschnitzereien, Drachen darstellend, die ich nicht berühren möchte, weil es sein könnte, dass sie sich als geschickte Kunststoffimitate entpuppen, die einfach nur sehr überzeugend hölzern tun. Da sind Tische mit rosa Tischdecken und Platzsets aus Plastik, auf denen Bilder traditioneller chinesischer Tuschmalerei gedruckt sind. Eierförmige Berge, Kraniche, Ochsenkarren und Menschen mit komischen Hüten. Jetzt erst fällt mir auf, dass ich keinen dicken Buddha im Eingangsbereich gesehen habe, dafür eine Winkekatze. Vielleicht auch deshalb kein Aquarium. Schwere Metallstühle mit etwas abgenutzten roten Bezügen. Die Atmosphäre rasselt mit ihren Ketten, schleppt sich durch den Gastraum und stöhnt ‚Siebziger!‘. Unter Kraftaufbringung schiebe ich mir den Stuhl zurecht und nehme Platz. Warum bin ich eigentlich hier? Ausschlaggebend sind die Busladungen an Chinesen gewesen, die ich hier unabhängig von der Tages- und Jahreszeit beim Betreten und Verlassen beobachten konnte. Jetzt allerdings ist luftig Ruh. Vereinzelt sitzen ein paar asiatische Gäste an den Tischen und schmatzen und schlürfen ihre Speisen. Hat da gerade jemand wirklich gepupst? Das muss diese Authentizität sein.

Auf einmal steht Herr Wang neben mir, reicht mir die schwere, in Kunstleder (braun!) eingeschlagene Speisekarte und fragt, was ich trinken möchte. Authentisch wäre es jetzt bestimmt nach Tee zu verlangen, aber weil es draußen absurd heiß ist und die vergilbten Aushänge draußen ein Veltins-Logo erahnen lassen, nehme ich ein großes Bier. Herr Wang dankt und geht ab. Auch die Speisekarte hatte bestimmt schon Wim Thoelke in der Hand. Vorne vier Seiten Auflistung von Speisen in Deutsch, danach gefühlte 50 Seiten mit Beschreibungen in Chinesisch mit kleinen deutschen Untertiteln, wobei die Nummern zum Bestellen vierstellig werden. Nach langer Überlegung und nachdem ich bereits die Hälfte des von Herrn Wang mittlerweise gebrachten Bieres getrunken hatte, entscheide ich mich für eine Pekinger Suppe und ein Hauptgericht mit ‚zweifach gegarter‘ Ente. Herr Wang ist kein guter Kellner, obwohl er freundlich ist. Er schmeißt die Teller auf den Tisch und hantiert grob mit den Warmhalteplatten. Wahrscheinlich ist das in China genauso und ist nicht als Mißachtung des Gastes zu verstehen. Oder es fehlt an Personal und der Chef muss selber ran. Gibt es einen Mindestlohn in China?

Die Suppe ist braun und von soßiger Konsistenz, scharf mit leichten Anklängen von Pfeffer und Essig, dazu Gemüse und Eierstich. In Peking essen die Menschen diese Suppe traditionell vor jedem Essen und die Schärfe soll sie an die Härten des Lebens erinnern und die Eier sind natürlich ein altes Fruchtbarkeitssymbol, lange bevor sie bei uns als Ostereier bekannt wurden, gab es sie in China in der Suppe. So stelle ich es mir jedenfalls vor und ich meine Herr Wang belächelt mich deswegen ein bisschen beim Abräumen. Mein zweites Glas Bier rutscht bedenklich auf dem Plastik-Platzdeckchen hin und her. Während ich auf das Hauptgericht warte, betrachte ich die Decke. Sie besteht aus weißen Milchglasquadraten. In einer anderen Stadt, in einem anderen China-Restaurant, in einem anderen Leben, war sie aus Spiegelglas und man konnte tolle Fotos von sich mit dem Smartphone machen. Am Nebentisch diskutiert indes Herr Wang mit einem weiblichen Gast die Speisekarte auf Chinesisch, während die offensichtlich nicht asiatische männliche Begleitung ungläubig dreinblickt. Im Vorraum liegen chinesische Zeitungen zur kostenlosen Mitnahme aus. Plötzlich muss ich an den Film ‚Freshman‘ mit Marlon Brando denken. In diesem Film spielt er einen Ganoven, der zusammen mit seinem komplizenhaften Koch, den Gästen seines geheimen Feinschmecker-Restaurant Clubs fast ausgestorbene und seltene Tiere als exklusive und teure Mahlzeiten kredenzt. Zum Schluß des Films wird klar, daß er den dummen Millionären immer nur Hühnchen serviert hat. Dann kommt meine doppelt gegarte Ente.

Sehr wohlschmeckend, das Fleisch sehr zart, frisches knackiges Gemüse und die Soße schmeckt ein bisschen nach Anis und Lebkuchengewürz. Wahrscheinlich lachen sich die Köche in der zweiten Etage kaputt, weil sie erfolgreich eine Packung Aachener Printen weiterverwendet haben. Vielleicht schaue ich auch nur zuviele Filme. Die am Nebentisch trinken jetzt Tee. War ja klar. Zum Schluß reiche ich Herrn Wang wie vereinbart meine Kreditkarte. Er verschwindet damit, nur um kurz darauf mit einem Imprinter Durchschlag meiner Karte wiederzukommen. Vielleicht ist das hier auch eine Art Zeitmaschine und wenn ich das Lokal verlasse, ist Helmut Schmidt wieder Kanzler. Die Haifischflossensuppe auf der Karte spricht jedenfalls dafür.