Mit der Monatsfahrkarte in’s gelobte Land

Ich befand mich im Tal des Todes und ich war nicht allein. Um mich herum 7500 andere Menschen. Jenseits der Holzpalisaden, nachdem ich das Eingangstor hinter mir gelassen hatte, empfingen mich freundliche Eingeborenengesichter, welche das meinige mit Farbe markierten und mir zum Zeichen der Zugehörigkeit bunte Federn ansteckten. Musikanten spielten auf und verbreiteten vermeintlich authentische Atmosphäre. Ursprünglich bestand die Herausforderung für mich darin, überhaupt hierhin zu gelangen. Ein Kampf mit eigenen Unzulänglichkeiten und dem öffentlichen Personennahverkehr, so dass ich zuerst nicht so sehr auf die Details geachtet hatte, denn ich war ja schon vorher mal im Theater gewesen. Menschen auf der Bühne schlüpfen in personae und zusammen mit den Menschen vor der Bühne entsteht etwas Neues, man lässt sich auf ein Spiel ein, Schauspieler rennen nackt über die Bühne, dann am Schluß womöglich: Erkenntnisgewinn. Aber außer den Pferden rannte hier niemand nackt über die Bühne. Es war auch nichts Neues zu entdecken. Die Kunst in diesem Fall bestand darin, ein neues Stück aufzuführen, ohne ein neues Stück aufzuführen.

Nachdem Prominente abgeblitzt und offiziell begrüßt worden waren, begann die Vorstellung, indem ein Toter zu uns sprach. Seine Stimme kam vom Band, die Zuschauer erhoben sich und applaudierten, sein überlebensgroßes Bild wurde unter Fackelschein in die Arena getragen. Sein Leben lang war er auf diese eine Rolle festgelegt und im Tod wurde er endgültig damit verschmolzen. Alle waren gerührt. Und genauso wie im Comic „Das Phantom“ die Superheldenidentität von Generation zu Generation weitergegeben wird, so geschah es auch hier. Das universell Gute wandert von Darsteller zu Darsteller und nur der aktuelle Winnetou weiß, welche Bürde dieses Erbe mit sich bringen mag.

Und überhaupt: Neben dem ewigen Häuptling der Mescalero-Apachen, standen Mario Adorf, Ralf Wolter und obwohl schon tot, Heinz Erhard auf der Bühne, beziehungsweise Stellvertreterschauspieler, die so agierten, wie die Vorbilder es in den Verfilmungen der sechziger Jahre gemacht hatten. Ich blickte um mich und sah viele in Cowboy-Kostümen; einige hatten sich vor der Vorstellung nicht nur mit Bier und Pommes versorgt, sondern auch mit Knallplättchen-Schreckschußwaffen, die rote oder orange Mündungsaufsätze hatten und nun von den stolzen Besitzern im Gürtel getragen wurden. Und alsbald wurde mir bewußt, dass ich es hier mit einem Kult zu tun hatte. Hier wurde ein Ritus abgehalten, der die Gemeinde in ihrem Glauben bestärken, sowie große Augen und offene Münder produzieren soll. Was auch gelang. Diese Gesichtsausdrücke kannte ich als guter ehemaliger Katholik mit Meßdienererfahrung: Ostern und Pfingsten an einem Abend, der Herr ist auferstanden, der heilige Geist kommt auf die Jünger herab. Auch auf uns kam der heilige Geist in Form eines Weißkopfseeadlers hinab, der auf dem handschuhbewehrten Arm Winnetous landete. Manitou, Adler und Winnetou – die Dreifaltigkeit von Bad Segeberg.

Danach 20 Minuten Pause.

Während ich in der Schlange für das Klo stand, hörte ich, dass es im Vorfeld auch zu einer Marienerscheinung gekommen war. Dunja Rajter war zugegen, die wahrhaftig im Winnetou I Film dabei war, und so dem Ganzen höhere Weihen verlieh.

Das Ende der Pause wurde durch Kavallerie-Fanfaren angekündigt. Ruhig nahmen alle wieder ihre Plätze ein und das Hochamt wurde fortgeführt. Gegen Ende freuten sich alle, weil der Zauber gelungen war. Das Böse war erwartungsgemäß zur Hölle gefahren und allen Teilnehmern wurde begeistert per Applaus gedankt. Ein Sänger mit italienischem(!) Namen in einem weißen(!) Anzug sang abschließend ein Lied über die Hoffnung, die überleben wird und schritt dabei durch das Bühnenbild, welches im Zuge der Nachtwerdung mit einem Feuerwerk illuminiert wurde. Osterfeuer.