Gewissheiten

„Gewissheiten“ heißen die Winde,  die durch deine leeren Augenhöhlen wehen werden.

Ich, gerade eben auf Twitter

Game over

Es ist eine Leere. Sie ist groß und weit und reicht bis zum Horizont. Sie ist das Brummgeräusch, dass nicht zu lokalisieren ist und sensible Gemüter von Brücken springen lässt. Oder ganz fest die Zähne zusammenbeißen, bis man das Blut deutlich in den Ohren rauschen hört. Ich habe jetzt ganz viele alte Aufkleber darübergeklebt, alles, was ich in der Schublade liegen hatte. Auch ein paar neue Fotos und gelbe Notizzettel. Draufschauen, jeden Tag, die Struktur als Stern von Bethlehem annehmen, ihr folgen. „Sie leuchtet!“, rede ich auf mich ein. Älter sein, Haarausfall, Zahnausfall, Fettansatz, aber ruhiger ertragen ist auch drin. Ich bin so alt, dass ich das Leiden und die Nabelschau nicht mehr benötige, um hier zu sein. Macht mich schmunzeln bei den jungen Leuten, kann aber leider nicht zum Trösten vorbeikommen, sind alle gar nicht da. Pixel in meinen Selbstgesprächen.

 

Zufriedenheit

„Zufriedenheit“ ist ein Schimpfwort. Und wenn es das nicht ist, dann zumindest ein Wort, das einem schlafmützenbewehrte Spitzweg-Figuren mit langen Pfeifen auf einer Bank stumpf qualmend vor das geistige Auge schiebt. Wie Bilbo Beutlin, nur ohne Abenteuer und Ruhm und Ehre und Sonderticket der Elben am Schluß. Derjenige, der zufrieden ist, den muß man sich als geistig zurückgebliebenen Maulwurf vorgestellen, der nichts von der Welt gesehen hat und nur niveauloses Fernsehen unter Alkoholeinnahme konsumiert. Oder jemand, der esoterisch verblendet in Mantren säuselt und sein Hirnschmalz waldschratig beim Bäumeumarmen verloren hat.

Heute, in einer Zeit, in der nichts wirklich klar oder sicher ist und das auch auf absehbare Zeit so zu bleiben scheint, vielleicht, ist die einzige Gewissheit: sei kein Idiot! Denn noch niemals in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viele Optionen und Möglichkeiten, so wenig Zwang und Not, große Reichweite und kleine Textilpreise, so dass die allgemein als gültig geteilte Horrorvision diese ist: du liegst auf dem Sterbebett, es geht mit dir zuende und du hast das Gefühl, nicht ausreichend gelebt zu haben. Da hätte mehr gehen müssen! Potential nicht ausgeschöpft. Schade, Doofnase, Sendeschluß!

Jeder, der nicht neben seinem ’normalen‘ Leben mindestens ein Projekt hat, Romane verfasst, an seiner zweiten Million arbeitet, während man dabei chinesisch lernt, muss doch ein bedauernswerter Tropf sein. Nur diejenigen, die ihr Leben optimieren und sich zu jeder Zeit dem kontinuierlichen Verbesserungsprozess verschreiben, haben eine wirkliche Daseinsberechtigung. Du musst ‚Hunger haben‘ – ansonsten wirkt man schon fast so suspekt wie ein Mullah mit einem McRib in der Hand. Und es ist eine Todsünde unserer Wirtschaft gegenüber. Die Arbeitslosenzahlen! Wollen wir denn so enden wie die Spanier oder Griechen?

Dann habe ich heute aus dem Fenster gesehen und das Gewitter beobachtet, nachdem ich meine fremdgesteuerte Erwerbsarbeit beendet hatte, die mich weder reich noch berühmt machen wird. Draußen saßen Kaninchen und wurden naß. Ich nicht. Da war ich zufrieden.

Who let the dogs out?

Es entschuldigt sich und klebt Zettel an die Haustüren der Nachbarschaft. Es bereitet vor und lädt ein. Es erklärt sich und stellt Informationen bereit, aber vor allem hat es eingeladen. Kommt alle, seid dabei, groß und klein, alt und jung. Es sind die Schlittenhunde die dem Ei hinterherrennen. Nachdem ich therapiebedingt ohnehin Menschenmengen aufsuche, um herauszufinden ob ich verschwinde, wenn ich es tue, kam die Aufforderung gerade recht. Also auf, der Weg ist nicht weit und falls es mir doch anders werden sollte, kann man immer noch in den nahe gelegenen Park gehen und die dicken Enten füttern.
Besonders angenehm ist es, keine grölenden Fan-Horden vor sich laufen zu haben, sich nicht von ihnen fernhalten zu müssen und womöglich vor lauter Angst verfrüht die Mission abbrechen zu müssen. Diese Horden hier sind sehr übersichtlich, es sind nicht die üblichen von mir erwarteten Krawallmacher; eher scheinen sie ein wenig desorientiert, wie von einem anderen Stern und sogar das Kind an der Hand ist ihnen nicht fremd. Es sind kleine Gruppen und Einzelne. Vor der Sportstätte steht einsam ein Dienstfahrzeug der Polizei. Es wurde gewarnt: kommt mit dem Bus, kommt mit der Bahn, denn Parkplätze gibt es keine und Verstöße werden geahndet. Also sind das die Ahnder. Auffällig alt und nicht in Kampfmontur. Hier wird kein Bundesland Gebühren für den Polizeieinsatz verlangen. Eine kleine Schlange von Menschen markiert den Eintrittskartenverkaufsstand, welcher sich in einem Partyzelt befindet, dass so klein ist, dass es für mich und meinen Hund platzmäßig nicht ausgereicht hätte. Ein Rollstuhlfahrer plättet mir beinahe die Füße. Ich kenne mich nicht aus mit der Preisgestaltung von Sportveranstaltungen und bezahle, ohne mich zu erregen, den geforderten Obulus. Die freundlichen Verkäuferinnen im Partyzelt erinnern mich dabei an die ältlichen Damen beim Kuchenverkauf auf dem Pfarrfest. Vielleicht bin ich ja an einen Ort des Glaubens geraten, ich, der schon seit langem einen großen Bogen um offensichtliche Religiosität macht. Durch das Tor betrete ich die Sportstätte und die laxe Security macht mich wundern ob ihrer Großzügigkeit.
Hinter dem Einlass gibt es einen kleinen Tribünenbereich und die sogenannte ‚Food and picnic area‘, mit Würstchenbuden und Bierstand, Crepes-Bäckerei und Hüpfburg. Wobei die Hüpfburg zur Unterhaltung von Kindern dienen soll, die sich nicht für das Geschehen auf dem Platz interessieren. Ich entscheide mich erstmal gegen Kalorienaufnahme und für einen Stehplatz direkt vor der Tribüne und betrachte die Nachbarschaft. Strikt getrennt durch den mittig installierten Moderationsbereich, in welchem der Stadionsprecher residiert und ein DJ amerikanische Motivationshymnen auflegt, ist die Tribüne unterteilt in den Heim- und den Gastsektor. Die Gäste sind in vollem Ornat erschienen und bilden eine geschlossene Gruppe, wohingegen der Bereich der Heimat weniger uniformiert und eher zusammengewürfelt und gelangweilt erscheint. Vielleicht kostümieren sie sich ja bei Auswärtsspielen. Immerhin beherbergt diese Zone eine Art Percussion-Sektion, welche sich zu jener Stunde jedoch noch im Winterschlaf befindet. Ich wende nun meinem Blick dem Spielfeld zu. Normalerweise ist es eine der Öffentlichkeit zugängliche Sportstätte und wenn hier Sport betrieben wird, dann ist es das gute, alte, asthmatische um den Platz laufen oder Fußball. Jetzt hingegen ist das Grün mit neuen Markierungen versehen, Yards statt Meter; junge Leute mit Totems, denen von Google Maps nicht unähnlich, irren umher und merkwürdig viele Sporttreibende bevölkern den Platz, wärmen sich auf, indem sie gegeneinander rennen. Einige scheinen adipös zu sein. Ob das zum Sport gehört? Im Gegensatz zur Polizei sind 80% der Recken in Rüstung aufgelaufen, was fehlt sind lediglich Schlagstock und Schild. Die Mannschaften in den verschiedenfarbigen Sportrüstungen, haben amerikanisch-markige Namen und auch der Stadionsprecher sagt verdächtig oft ‚alright!‘. Alright then, let’s go! Bald schon gibt es einen offiziellen Einlauf mit Soundtrack und sogar ein Lokalpolitiker im Range eines Senators kommt eigens in Jeans und Allwetterjacke herbeigeilt, um den Start des Spieles mittels Geldmünzenwurf zu markieren.
Ich stehe und staune. Und verstehe nichts. Gruppen von Spielern rangeln um das Ei, häufig entstehen Spielpausen, die von den anderen Mitspielern genutzt werden, sich vor Flipcharts zu versammeln und zu nicken. Nicht mehr ganz junge Jubelführerinnen frieren in kurzen Röckchen auf der linken Seite vor dem Spielfeld, weil sie nur sporadisch zu kurzen, vom DJ eingeworfenen Soundfetzen, ihre Bewegungen vollführen dürfen. Danach stehen sie wieder und lächeln gequält, während ihre Kinder quengeln, selbst zu den Ponpons greifen und lieber mit ihren Müttern die Hüpfburg aufsuchen wollen. Die Gäste jubeln wenn es an der Zeit ist und geben mir so ein wenig Orientierung. Der Stadionsprecher setzt zu Erklärungen an, redet von guten und unglücklichen Spielzügen und ruft wieder langgezogen ‚alright!‘. Manchmal quatscht ein anderer mit seiner hohen Stimme dazwischen und obwohl ich mich zum Moderationsbereich umdrehe, kann ich die Quelle nicht ausmachen. Die Percussion-Sektion ist aus dem Winterschlaf zurückgekehrt und überrascht durch komplettes rythmisches Versagen. Dafür sind die Gäste im Besitz von Vuvuzelen, Wikingertröten oder sie haben ein paar tibetische Mönche engagiert, die auf Alphörnern ohrenbetäubend die Heimmannschaft zu irritieren suchen. Es ist ein Fest! Nach dem zweiten Viertel ist Halbzeit, die ich mit einem Bier begieße. Der Stadionsprecher  steht auf dem Rasen und bekommt von einem ehemaligen Spieler, der jetzt bei SAP spielt, einen Scheck für die Jugendförderung überreicht. Man kann es aber nur aufgrund des Riesenschecks und der Gestiken erraten, denn das Funkmikrofon des Stadionsprechers befindet sich außerhalb seiner Maximalreichweite. Die Jubelführerinnen haben sich aus dem Staub gemacht und beschäftigen sich lieber mit ihren Kindern, obwohl der DJ jetzt ‚Eye of the Tiger‘, ‚Thunder‘ sowie ‚We will rock you‘ in voller Länge ausspielt. Viele meiner Mitzuschauer sehen so aus, wie Trucker in den entsprechenden amerikanischen Vorabendserien und sind auch ein bisschen älter. Ist das schon der demografische Wandel? Frühverrentung?
Dann geht es auch schon weiter und bald kann ich den Piratensender mit der hohen Stimme identifizieren: es ist der Hauptschiedsrichter, der ein weißes Käppi trägt. Der kann sich vom Feld aus in die PA einklinken und verkünden, warum er nicht einverstanden ist, wobei ihm aber niemand zuhört. Schiri, wir wissen wo dein Haus wohnt? Kurz nachdem ich mir dann endlich einige Reime auf die Handlung machen kann, die sich wundersam vor mir auf dem umfunktionierten Fußballplatz entfaltet, ist dieses Spiel der ersten Bundesliga auch schon vorbei. Wir danken den Sponsoren und dem Publikum und freuen uns auf ein Wiedersehen in 14 Tagen. Als Liebhaber surrealer Events bin ich auf jeden Fall wieder mit von der Partie, dann vielleicht mit einer Bratwurst in der Hüpfburg springend.